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Kapitel Elf: Die Lüge

Author: Gmail
last update publish date: 2026-09-28 23:46:29

Elena kam zehn Minuten zu früh zur Bibliothek, aus Gewohnheit mehr als aus allem anderen, und richtete ihren Tisch so ein, wie sie es immer tat: Notizen links, Laptop in der Mitte, der Platz ihr gegenüber auffällig leer gelassen.

Sechs Uhr kam und ging.

Um Viertel nach sechs hatte sie aufgehört, jedes Mal zur Tür zu schauen, wenn sie sich öffnete, und angefangen, ihre Notizen tatsächlich zu lesen. Um halb sieben zog sie ihr Handy heraus.

Elena: Kommst du noch?

Zehn Minuten lang nichts. Sie sagte sich, dass es keine Rolle spielte, dass sein Training manchmal länger dauerte, dass Leute zu spät kommen durften, dass sie nicht der Typ Mensch war, der herumsaß und auf den Zeitplan eines anderen wartete. Sie schaffte noch eine Seite Notizen, bevor ihr Handy summte.

Mike: Sorry. Etwas ist dazwischengekommen.

Elena: Alles okay?

Mike: Ja. Nur beschäftigt.

Sie starrte einen Moment länger auf den Bildschirm, als die Nachricht es rechtfertigte. Etwas ist dazwischengekommen war nicht direkt seltsam. Leuten kam eben etwas dazwischen. Aber Mike sagte nicht ab. In sechs Wochen fast täglicher Überschneidung war er müde aufgetaucht, gereizt aufgetaucht, direkt vom Training gekommen, riechend wie eine Umkleidekabine, aus der er offensichtlich keine Zeit gehabt hatte zu duschen, aber er war nie einfach gar nicht erschienen.

Elena: Kein Problem. Viel Glück mit was auch immer.

Mike: Danke. Andermal?

Elena: Klar.

Sie legte das Handy mit dem Bildschirm nach unten und versuchte, zu ihren Notizen zurückzukehren, und stellte fest, dass sie sich auf nichts davon konzentrieren konnte, ihre Augen glitten dreimal über denselben Absatz über Betablocker, ohne ein Wort aufzunehmen.

Sie war noch eine Stunde später dort, packte ihre Sachen zusammen, als sie Danny im Treppenhaus auf dem Weg nach draußen traf, Hockeytasche über einer Schulter, Ohrhörer um den Hals.

„Hey, Quad-Mädchen." Er grinste, locker wie immer. „Wo ist deine bessere Hälfte?"

„Er ist nicht mein—" Sie hielt inne, nicht in der Stimmung, den Spitznamen noch einmal durchzukauen. „Er hat heute Abend abgesagt. Meinte, etwas ist dazwischengekommen."

„Hm." Danny runzelte leicht die Stirn, der Ausdruck wirkte ungewohnt auf einem Gesicht, das hauptsächlich zum Grinsen gemacht war. „Seltsam. Ich dachte, er wäre gerade zurück zum Wohnheim. Hab ihn vor etwa zwanzig Minuten aus der Eishalle kommen sehen, sah aus, als hätte er es eilig."

Elenas Magen machte etwas Kleines und Kaltes. „Der Eishalle? Ich dachte, das Training endet um fünf."

„Tat es auch. Er ist danach zurückgekommen. Meinte, er hätte etwas in seinem Spind vergessen." Danny zuckte mit den Schultern, schon darüber hinweg, offensichtlich legte er dem Detail keinerlei Gewicht bei. „Sag ihm jedenfalls, ich brauche meinen Hoodie zurück. Er hat ihn seit Dienstag."

„Richte ich ihm aus."

Danny verschwand die Treppe hinunter, irgendetwas falsch vor sich hin pfeifend, und Elena stand einen Moment auf dem Treppenabsatz, das Handy noch in der Hand, und drehte die Zeitfolge in ihrem Kopf um. Das Training endete um fünf. Danny hatte ihn gegen Viertel nach sechs in der Eishalle gesehen, in Eile irgendwohin unterwegs. Er hatte ihr um zwanzig nach sechs etwas ist dazwischengekommen geschrieben.

Was auch immer dazwischengekommen war, es war kein vergessener Hoodie.

Sie ging langsam zurück zu ihrem Wohnheim, die Herbstluft tat nichts, um die besondere, unangenehme Hitze zu kühlen, die hinter ihren Rippen saß. Es war keine Eifersucht, sagte sie sich, obwohl es dieselbe Form hatte wie Eifersucht, dieselbe unangenehme Enge. Es war etwas anderes. Etwas näher an Verrat, klein und dumm und wahrscheinlich unverdient, weil er ihr nichts schuldete, schon gar nicht seinen Aufenthaltsort an einem beliebigen Donnerstag.

Zurück in ihrem Zimmer war Jade noch aus, und die Stille fühlte sich schwerer an als sonst. Elena setzte sich auf ihr Bett, Handy im Schoß, und statt ihm noch einmal zu schreiben, öffnete sie den Browser und tippte seinen Namen in das alte Sportarchiv der Universität, das die Sportabteilung mit Teamfotos aktualisiert hielt, die ein Jahrzehnt zurückreichten, hauptsächlich für Alumni- und Rekrutierungsseiten, die niemand tatsächlich las.

Sie sagte sich, sie sei nur neugierig auf das Programm. Sie glaubte es sich selbst nicht ganz.

Sein Name brachte eine Handvoll Ergebnisse, das Teamfoto des ersten Jahres, einen Artikel über sein erstes Tor als Wolf, ein körniges Actionfoto von einem Spiel vor zwei Wintern. Sie klickte sich langsamer durch, als sie beabsichtigt hatte. In den frühesten sah er jünger aus, schlanker, die Dreadlocks kürzer, ein Grinsen in jedem einzelnen Foto, als wäre in seinem Leben noch nie etwas schiefgelaufen. Sie verweilte bei einem länger als bei den anderen, er mitten im Schritt auf dem Eis, in dem Bruchteil einer Sekunde vor einem Schuss gefangen, und etwas an der Leichtigkeit seines ganzen Körpers in diesem Bild ließ ihre Brust auf eine Weise eng werden, die sie nicht zu genau untersuchte.

Er war, gab sie sich selbst zum ersten Mal zu, ohne ein Argument daran zu knüpfen, wirklich, auf ablenkende Weise gutaussehend. Es fühlte sich wie ein kleiner eigener Verrat an, das jetzt zu bemerken, mitten im Besorgtsein und ein wenig Verletztsein und größtenteils Verwirrtsein.

Sie scrollte weiter und fand die Teamübersichtsseite der vorletzten Saison, ein Raster von Porträtfotos in passenden marineblauen Trikots, und etwas in der Ecke des Bildschirms erregte ihre Aufmerksamkeit, bevor sie daran vorbeiscrollen konnte. Ein markiertes Foto von einem alten Rekrutierungsevent, Mike noch jünger, den Arm lässig um die Schulter eines Mädchens gelegt, das Elena nicht erkannte, beide lachend über etwas außerhalb des Bildes. Die Bildunterschrift darunter, verblasst und offensichtlich Jahre alt, lautete Sorenson und Bennett, Helden aus der Heimatstadt.

Elena starrte lange auf das Foto. Bennett. Sie wusste nicht, warum der Name etwas bedeutete, außer dass Danny eine Transferstudentin aus Mikes Highschool erwähnt hatte, und irgendetwas an der leichten, vertrauten Art, wie Mike seinen Arm um dieses Mädchen in einem Foto legte, das Jahre vor Elena lag, ließ die Enge in ihrer Brust in etwas anderes übergehen, etwas, das sie weniger bequem erkannte.

Sie schloss den Browser, bevor sie weiter danach suchen konnte.

Es spielte keine Rolle, sagte sie sich. Es war ein altes Foto. Leute hatten eine Vergangenheit. Sie hatte keinen Anspruch auf irgendetwas davon, kein Recht, den besonderen Stich zu fühlen, der jetzt tief in ihrem Magen saß, wegen eines Bildes von bevor sie ihn jemals vor dem Sportgebäude anrempelt hatte.

Sie könnte ihn fragen, wo er heute Abend tatsächlich gewesen war. Sie könnte das Foto zur Sprache bringen und sein Gesicht beobachten, um zu sehen, was sich zeigte, wenn sie den Namen Bennett laut aussprach. Sie könnte ihn wegen der Lüge über seinen Spind zur Rede stellen, ihm sagen, dass Danny ihn in Eile aus der Eishalle hatte kommen sehen, und zusehen, wie er nach einer anderen Erklärung für die erste suchte.

Stattdessen legte sie ihr Handy mit dem Bildschirm nach unten auf die Matratze neben sich.

Zum ersten Mal, seit das alles begonnen hatte, fragte sich Elena nicht nur, ob Mike Sorenson etwas verbarg.

Sie fragte sich, wie viel, und wie weit es zurückreichte.

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