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KAPITEL 3

last update Veröffentlichungsdatum: 13.10.2026 06:53:00

Aveline POV 

Sie schleppten mich beinahe bis zu den schweren Eichentüren, bevor der gesamte Saal totenstill wurde.

Es begann als plötzlicher, erstickender Druck in der Luft – der scharfe Abfall des atmosphärischen Gewichts, bevor Blitze einen Nachthimmel zerreißen. Die eisernen Griffe der Wachen an meinen Armen erschlafften. Hinter uns erstickte das wütende Gebrüll von tausend Rudelmitgliedern auf einmal, als hätte eine unsichtbare Hand jedem Mund im Raum den Atem abgeschnitten.

„Lasst meine Tochter frei.“

Mein Vater schrie nicht. Er musste es nicht. Die Stimme des Alphas riss durch den Saal wie ein Donnerschlag, vibrierte durch die steinernen Dielen, durch meine Knochen, hinab bis zu dem verängstigten Wolf, der sich unter meinen Rippen verkroch. Die Wachen, die mich hielten, erstarrten, einer von ihnen zitterte sichtbar, als seine Hände von meinen Ketten glitten.

Alpha Dorian Voss stand in der Mitte des hohen Podests, seine massiven Hände umklammerten die Kante des schwarzen Holztisches so fest, dass das Holz ächzte. Der gebrochene Mann, der hinter den Gittern meiner Zelle geweint hatte, war verschwunden. An seiner Stelle stand ein Alpha aus Blut und Feuer, seine goldenen Augen brannten vor reiner, erschreckender Dominanz.

„Sie wird vor Gericht gestellt“, knurrte mein Vater, seine tiefe Brust dehnte sich, als er Luft holte. „Aber sie wird nicht wie ein gewöhnlicher Dieb aus diesem Raum geschleppt. Sie ist meine Tochter. Sie trägt das Blut des Alphas. Bringt sie zurück, und tut es mit Respekt.“

Drei gequälte Sekunden lang atmete niemand.

Dann, einer nach dem anderen, wichen die Wachen zurück. Meine Mutter stürmte vor, ihre kalten, zitternden Finger legten sich fest um mein Handgelenk und verankerten mich, während wir zurück zum Podest gingen. Ihr Atem ging rau, ihr Gesicht war bleich wie Knochen, aber ihr Kinn blieb hoch.

„Danke, Vater“, flüsterte ich, meine Stimme brach.

Er sah nicht auf mich hinab. Seine brennenden goldenen Augen waren auf den Rat gerichtet.

„Ich sage das einmal“, sagte er, seine Stimme hallte von der hohen Steindecke wider. „Ich glaube nicht, dass meine Tochter Black Moon verraten hat. Ich habe es keine einzige Sekunde lang geglaubt, und nichts, was in diesem Raum gesprochen wurde, hat meine Meinung geändert. Ein gefälschtes Siegel. Eine lügende Freundin. Ein Kopf, der von denselben Söldnern gespalten wurde, die sie angeblich angeheuert hat. Ihr verlangt von mir, zu glauben, dass meine Tochter ein Massaker geplant und dann im Dunkeln gestanden hat, um neben ihren Opfern abgeschlachtet zu werden. Ich weigere mich.“

Ein leises, unsicheres Summen wogte durch die steinernen Bänke. Einige alte Krieger nickten. Hoffnung loderte in meiner Brust auf wie eine zerbrechliche Flamme.

Sie erlosch in dem Moment, in dem der oberste Ratsherr aufstand.

„Alpha Voss“, sagte der alte Mann leise. Seine Stimme trug keinen Zorn, nur eine glatte, herablassende Wärme, die mir die Haut kribbeln ließ. „Niemand in diesem Raum zweifelt daran, dass du dein Kind liebst.“

Ich wusste in diesem Moment, dass wir tot waren. Hass konnte ich bekämpfen. Dieses künstliche Mitleid war eine Falle.

„Genau diese Liebe ist es, die dieses Rudel in Angst versetzt“, fuhr der Ratsherr fort und trat hinter dem schwarzen Tisch hervor. Seine grauen Roben streiften lautlos über den Marmor. „Deshalb müssen wir uns jetzt einer Katastrophe stellen, die weit größer ist als das Blut der vergangenen Nacht.“

Er drehte meinem Vater den Rücken zu und wandte sich dem vollen Saal zu.

„Der Angriff auf unseren Perimeter war kein zufälliger Überfall.  

Die Söldner, die eindrangen, trugen das Zeichen einer verbannten Kriegstruppe. Eine Streitmacht dieser Größe überquert unsere Grenzen nicht, ohne dass benachbarte Territorien Notiz davon nehmen. Botschaften sind bereits an unseren Toren eingetroffen.  

Iron Fang verlangt zu wissen, wie eine Rogue-Armee ins Herz von Black Moon gelangen konnte. Moon Born fragt, ob unsere Grenzen jetzt dem Meistbietenden offenstehen. Und Silver Crest hat überhaupt kein Wort gesandt.“

Eine schreckliche, erstickende Stille legte sich über den Raum. Selbst ich wusste, was das Schweigen von Silver Crest bedeutete. Die Informationshändler blieben nie still, es sei denn, sie wussten bereits, dass die Leiche kalt war.

„Black Moon war immer der Schild, der diese Welt beschützt hat“, dröhnte der Ratsherr, seine Stimme wurde härter. „In der vergangenen Nacht wurde dieser Schild von innen heraus zerschlagen – durch das eigene Blut des Alphas. Wir haben neunzehn Krieger verloren. Drei Ratsmitglieder. Ein Kind.  

Und wir haben den Glauben jedes Territoriums verloren, das einst unseren Namen fürchtete.“

Er machte eine Pause und ließ das Gewicht der Toten über der Menge lagern.

„Und wir müssen fragen“, flüsterte der alte Mann und wandte seine scharfen Augen meiner Mutter und meinem Vater zu, „wie eine Prinzessin dieses Hauses an einen solchen Schlüssel gelangen konnte. Wie sie so kühn in die königliche Schatzkammer gehen konnte. Wie sie so leicht glauben konnte, dass das Siegel ihres Vaters Unschuldige ohne Prozess abschlachten könnte. Was hat sie an eurem Tisch gelernt, Alpha? Was wurde ihr über Pflicht beigebracht? Über die Grenze zwischen Familie und Königreich?“

„Ihr werdet nicht über die Erziehung meiner Tochter sprechen!“ warnte mein Vater, seine Stimme ein tiefes, erschreckendes Grollen, das den Staub von den Balken schüttelte.

„Wir sprechen nicht über ihre Erziehung, Dorian. Wir sprechen über deine Eignung zu herrschen!“ Die sanfte Fassade des Ratsherrn verschwand und wurde durch kalten Stahl ersetzt. „Ein Alpha ist für sein Blut verantwortlich. Wenn du deine eigene Tochter nicht beherrschen kannst, wie kannst du dann ein Königreich beherrschen? Deine Luna steht neben einer Verdächtigen und schützt sie vor der Gerechtigkeit. Ihr beide habt euer Blut über Black Moon gestellt!“

„Natürlich stehe ich an ihrer Seite!“ Die Stimme meiner Mutter klang wie eine getroffene Klinge. Sie trat vor mich, ihr Körper zitterte vor Wut. „Sie ist meine Tochter! Was für eine Luna, was für eine Mutter würde ihr Kind euren Geiern überlassen?“

„Eine Luna, die ihr Volk an erste Stelle setzt“, schrie eine Stimme aus der ersten Reihe.

„Sie spricht die Wahrheit!“ rief ein anderer Krieger.

Der Saal explodierte. Stimmen überschlugen sich, eine erschreckende Welle aus Zorn, die sich gegen uns wandte. Gesichter, die ich seit meiner Kindheit kannte – Krieger, die mich trainiert hatten, Älteste, die mich bei Festen gefüttert hatten – verhärteten sich zu Masken des Abscheus. Der Rat hatte nicht nur mich vor Gericht gestellt. Er hatte das Rudel davon überzeugt, dass meine gesamte Blutlinie eine Krankheit war.

„Dieser Rat“, verkündete der Oberälteste und knallte seinen hölzernen Hammer nieder, „verlangt, dass Alpha Dorian Voss sofort vom Thron zurücktritt und seine Autorität abgibt, bis sein Haushalt gereinigt worden ist!“

„Nein“, sagte mein Vater.

„Dorian“

„Ich sagte NEIN!“

Mein Vater knallte seine Faust auf den schwarzen Holztisch und zerbrach das dicke Holz in der Mitte. Ein blendender Puls goldener Alpha-Aura explodierte aus seinem Körper und schlug in den Raum wie eine physische Schockwelle.  

Ratsherren taumelten rückwärts und stießen ihre Stühle um. Fackelflammen flachten an den Steinwänden ab.

„Ich bin der Alpha von Black Moon durch Blut und durch den Beschluss der Göttin!“ brüllte er, die Brust hob und senkte sich heftig, sein Wolf drängte durch seine Haut, bis Klauen an seinen Fingern spitz wurden. „Ich beuge mich nicht vor einem Tisch voller Feiglinge, die sich hinter einem Mädchen in Ketten verstecken!“

„Dann lässt du uns keine Wahl“, flüsterte der Älteste. Er hob die Hand und schnippte mit den Fingern.

Die massiven Eisentüren am hinteren Ende des Saals krachten auf.

Gepanzerte Krieger strömten in den Raum. Sie trugen nicht die rot-goldene Rüstung der Palastwache. Sie trugen den dunkelgrauen Stahl der privaten Durchsetzungstruppe des Rates. An ihrer Spitze marschierte Beta Roland, sein Breitschwert bereits gezogen, sein Gesicht eine eiskalte Maske des Sieges.

Sie waren nicht gekommen, um einen Prozess abzuhalten. Der Putsch war bereits geplant.

„Unterwerft den gefallenen Alpha“, befahl Roland kalt.

„Vater!“ schrie ich.

Der Saal explodierte in blutigen Wahnsinn.

Die loyalen Wachen, die meinem Vater jahrzehntelang gedient hatten, zogen ihre Waffen und stürmten auf das Podest, um eine Wand aus Stahl um uns zu bilden. Aber die Hälfte der Wachen zögerte, blickte zu Roland, dann zum Rat, und wandte ihre Klingen gegen die eigenen Brüder.

Stahl traf auf Stahl mit ohrenbetäubenden Schlägen. Schreie zerrissen die Luft, während Bänke umgeworfen wurden und Rudelmitglieder zu den Ausgängen stürzten.

Mein Vater wartete nicht, bis sie ihn erreichten. Er griff an.

Er war kein Mann mehr; er war eine Naturgewalt. Sein Wolf riss durch seine Haut, die Zähne entblößt in einem tödlichen Knurren, als er in die Frontlinie der grauen Rüstung einschlug.  

Er packte den ersten Wächter an der Kehle, knickte ihm den Nacken mit einer brutalen Drehung und warf den Körper in drei andere. Ein Schwert stieß nach seinem Bauch; er fing die blanke Klinge in der Handfläche, Blut spritzte über den Marmor, während er die Waffe wegriss und seinen Ellbogen in den Schädel des Angreifers trieb.

„Maren!“ brüllte mein Vater über das ohrenbetäubende Klirren des Metalls. „Nimm Aveline! Geht in die unteren Tunnel!“

Meine Mutter packte meinen Arm und zerrte mich zum Seitenausgang. „Komm, Ava! Beweg dich!“

„Ich lasse ihn nicht!“ Ich kämpfte gegen ihren Griff und nutzte meine schweren Eisenketten, um einen grauen Wächter zu treffen, der auf uns zustürzte – die schweren Glieder krachten in seinen Kiefer und warfen ihn auf die Knie. „Vater!“

Mein Vater kämpfte gleichzeitig gegen vier Männer, sein Körper ein verschwommenes Bild aus Gold und Karmesinrot, während er sich durch graue Rüstung schlug. Aber Roland umkreiste ihn von hinten und hielt in der linken Hand ein kleines silbernes Fläschchen.

Roland entkorkte das Fläschchen und spritzte den Inhalt direkt in die offenen Wunden an meinem Vaters Arm.

Ein widerliches Zischen hallte über den Lärm der Schlacht, als Rauch von der Haut meines Vaters aufstieg. Flüssiges Silber.

Mein Vater stieß einen entsetzlichen, würgenden Schrei aus. Seine goldene Aura flackerte heftig und erlosch. Sein Wolf brach in ihm unter dem Gift zusammen, die Knie knickten ein, als ihm die Kraft gewaltsam geraubt wurde.

„Hinter dir!“ schrie ich und trieb meine Schulter in einen Wächter, um mich freizumachen.

Es war zu spät.

Roland trat heran, hob den schweren Knauf seines Breitschwerts und brachte ihn mit widerlicher Wucht auf den Hinterkopf meines Vaters herab.

Ein entsetzliches Knacken hallte durch den Saal.

Mein Vater taumelte vorwärts, die Augen rollten zurück. Bevor er fallen konnte, stieß ein zweiter Wächter eine kurze Klinge tief in seine rechte Seite, unter die Rippen.

Blut schoss in einer heißen, dunkelkarmesinroten Welle heraus.

„NEIN!“ schrie ich, ein Laut so roh, dass er mir die Stimmbänder zerriss.

Der Kampf starb in grausigen Stücken. Die verbliebenen loyalen Wachen senkten ihre blutigen Schwerter, als sie zusahen, wie ihr Alpha fiel, ihre Gesichter bleich vor Entsetzen. Der Raum wurde totenstill, abgesehen vom Knistern der brennenden Fackeln und den nassen, flachen Atemzügen, die aus dem Mund meines Vaters kamen.

Ich warf mich auf den Boden neben ihn, meine Ketten klapperten auf dem Marmor. Ich presste meine nackten Handflächen gegen die klaffende Wunde in seinen Rippen, aber heißes Blut strömte durch meine Finger und sammelte sich über seinem goldenen Tunika.

„Vater! Vater, bleib bei mir!“ Tränen blendeten mich und tropften in sein Blut. „Irgendjemand helft ihm! Heiler! Ruft einen Heiler!“

Niemand bewegte sich. Die grauen Wachen standen in einem engen Kreis, ihre Waffen auf uns gerichtet.

Mein Vater hob eine schwere, zitternde Hand, die Finger glitschig von Rot, und berührte meine Wange. „Ava…“

„Sprich nicht, bitte, sprich nicht“, schluchzte ich und drückte mein Gesicht an seine blutige Schulter.

„Sieh mich an, Tochter“, flüsterte er, seine goldenen Augen verdunkelten sich und kämpften gegen das Silbergift in seinen Adern. „Ich war blind. Ich habe Männern vertraut, die lächelten, während sie Messer schärften… Du hast nichts falsch gemacht. Erinnere dich daran. Lass nie zu, dass sie dich klein fühlen lassen.“

Stiefel knirschten auf dem blutglitschigen Stein neben uns.

Der oberste Ratsherr stand über dem blutenden Körper meines Vaters und hielt ein frisches Stück Pergament. Seine Stimme trug über den Raum, kalt und völlig frei von Menschlichkeit.

„Dorian Voss. Du hast deine Klinge gegen dein eigenes Rudel im offenen Rat erhoben. Du hast zugelassen, dass Silbergift und schwache Zuneigung die Sicherheit von Black Moon gefährden. Durch die Autorität des Rates und den Beschluss des Volkes wirst du deines Titels enthoben.“

Meine Mutter kniete auf der anderen Seite meines Vaters, nahm seine andere Hand und hielt sie fest an ihre Brust. Sie weinte nicht. Sie flehte nicht. Sie starrte den Rat nur mit einem Blick reiner, tödlicher Verheißung an, der mich mehr erschreckte als die Schwerter um uns.

„Und nach den Gesetzen der Erbfolge“, verkündete der Ratsherr und blickte hinaus auf die stille, blutgetränkte Menge, „kann die Krone eines Alphas nicht leer bleiben, wenn das Territorium bedroht ist. Der Rat ernennt hiermit einen Nachfolger, der Black Moon durch diese dunkle Stunde führen soll.“

Die Menge teilte sich.

Beta Roland trat vor und wischte das Blut meines Vaters mit einem weißen Tuch von seiner Schwertklinge. Neben ihm ging Darius.

Meine Brust zog sich zusammen.

Darius stieg die Stufen des Podests hinauf, der Kiefer in einer starren, leblosen Linie festgezogen. Er trug den dunklen Umhang der Alpha-Linie über den Schultern. Sein Gesicht war leichenblass, seine dunklen Augen hohl wie ein Grab, als er an dem blutenden Körper meines Vaters vorbeiging, an meiner Mutter vorbei und direkt über mir stehen blieb.

Er streckte die Hand nicht aus. Er blickte nicht auf meine blutenden Hände hinab.

„Darius…“ flüsterte ich, meine Stimme zitterte vor einer erschreckenden, verzweifelten Hoffnung. „Bitte.“

Er starrte geradeaus auf den leeren Alpha-Thron, die Fäuste so fest geballt, dass seine Knöchel durch die Verbände bluteten.

„Der Rat ernennt Darius Kane, den Alpha-Sitz zu halten, bis die Krone ihn als Alpha von Black Moon bestätigt“, dröhnte der Ratsherr.

Ein Beifallssturm brach von den grauen Wachen und den Ratstreuen los und hallte von den hohen Steinwänden wider.

Ich saß im Blut meines Vaters und sah zu, wie der Junge, den ich mein ganzes Leben lang geliebt hatte, aufrecht in den Schatten der Männer stand, die gerade meine Familie ermordet hatten – und ich wusste mit absoluter, erschreckender Gewissheit, dass das Mädchen, das diesen Saal betreten hatte, tot war.

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