LOGINSennas PerspektiveLira war für mich nie auch nur einen Augenblick lang eine politische Größe gewesen.Die Frau, die mir auf dieser Lichtung gegenüberstand, hatte sie soeben wie eine klingen lassen, und ich spürte, wie sich das besondere Grauen dieser Verwandlung in meiner Brust festsetzte, noch ehe sie zu Ende erklärt hatte, was sie eigentlich meinte.„Sagt es mir", sagte ich, und meine Stimme trug nichts mehr von der sorgsamen Gefasstheit, die ich im Rest dieses Gesprächs aufrechterhalten hatte. „Ohne Umschweife. Was hat Lira mit alldem zu tun?"„Maren hat sie als Eure am besten auszunutzende Schwachstelle erkannt", sagte die Frau. „Nicht politisch bedeutsam aus eigenem Recht, kein Stein mit eigenständigem strategischem Wert, wie es Anerkennungen oder territoriale Bündnisse sind. Schlicht der Mensch, an dessen Sicherheit Euch persönlich am meisten liegt."Ich spürte, wie sich etwas Kaltes in meinem Magen niederließ, und begriff augenblicklich das besondere Gewicht dessen, was sie be
Sennas PerspektiveJeder, der mir in diesem ganzen Krieg Bedingungen angeboten hatte, hatte mich benutzen wollen.Ich hatte vor, stattdessen herauszufinden, was diese eine tatsächlich wollte.„Das kann nicht dein Ernst sein", sagte Raith und las den Brief ein zweites Mal über meine Schulter. „Direkt in ein Treffen mit der einen Fraktion zu gehen, deren erklärtes Ziel es ist, das gesamte Gefüge aufzulösen, von dem dein Anspruch abhängt."„Ich erwäge es ernsthaft", sagte ich. „Das ist etwas anderes, als schon entschieden zu haben."Wir stritten den größten Teil dieser Nacht, und zwischen uns lag die besondere Spannung eines echten Meinungsunterschieds, nicht die einer vorgespielten Vorsicht.„Es ist leichtsinnig", sagte Raith. „Du wirst bereits von Corvans Kopfgeld gejagt, du bist schon bloßgestellt, weil du den Silbersinn nun zweimal öffentlich eingesetzt hast, du trägst ohnehin erheblich mehr Risiko, als ein einzelnes Treffen vernünftigerweise noch hinzufügen sollte."„Und wenn ich ab
Sennas PerspektiveAlle anderen hatten verborgen, was sie wollten.Die Gründerfraktion hatte soeben aufgehört, sich darum zu bemühen, und ich saß mit Raith und Vayle im kleinen Hauptraum des Unterschlupfs und versuchte genau zu begreifen, was dieser Wandel für einen Krieg bedeutete, der ohnehin schon in mehr Richtungen zersplittert war, als einer von uns vollständig kartiert hatte.„Welcher Alpha?", fragte ich. „Wer hat sich erklärt?"„Ein kleiner Revierhalter", sagte Vayle, „aus der nordöstlichen Grenzregion. Kleines Rudel, historisch neutral, nie bedeutend genug, dass irgendjemand sich ernsthaft die Mühe gemacht hätte, es zu umwerben, bis jetzt."„Warum sollte er ausgerechnet diesen Moment wählen?", sagte Raith und dachte es gemeinsam mit mir durch.„Ich weiß es nicht", gab Vayle zu. „Aber der Zeitpunkt ist wichtig. Wochenlang Spiele im Schatten, unmarkierte Reiter, sorgsam versiegelte Dokumente, die ohne Erklärung übergeben wurden, und nun plötzlich eine offene Erklärung. Etwas hat
Sennas PerspektiveEr kam weder mit Soldaten noch mit einem Plan. Er kam mit rein gar nichts, und nur das konnte mich dazu bringen, die Tür zu öffnen.Ich hörte das Klopfen vor Vayles üblichem Signal, drei leise Schläge statt des bestimmten Rhythmus, den wir vereinbart hatten, und blieb lange erstarrt stehen, die Hand nahe der Klinge, die ich seit dem Verlassen von Crestfall stets griffbereit gehalten hatte.„Senna."Seine Stimme, selbst gedämpft durch die Tür unverkennbar, kam mit einem Gewicht bei mir an, das mir jede Vorsicht raubte, an die ich mich bis dahin geklammert hatte.Ich öffnete die Tür langsam.Raith stand da, keine Crestfall-Farben auf seinem Mantel, keine Wache an seiner Seite, keine förmliche Haltung, die verraten hätte, dass er als etwas anderes gekommen war denn als ein einzelner, erschöpfter Mann, der offenbar eine beträchtliche Strecke gelaufen war, um genau diese Schwelle zu erreichen.„Wie hast du mich gefunden?", fragte ich, und meine Stimme klang unsicherer, a
Sennas PerspektiveSiebenundzwanzig Jahre lang hatte ich verborgen, was ich war.Die nächsten dreißig Sekunden verbrachte ich damit, dafür zu sorgen, dass in diesem Raum niemand mehr so tun konnte, als wüsste er es nicht.„Ihr habt noch offene Geschäfte", sagte ich und schnitt der Gesandten das Wort ab, ganz gleich, was sie als Nächstes hatte sagen wollen. Meine Stimme trug klar durch die angespannte Kammer. „Lasst mich allen viel Zeit ersparen. Ich weiß bereits, worin diese Geschäfte bestehen."Der gefasste Ausdruck der Gesandten geriet ins Wanken, ein kurzes Erstaunen huschte über ihre Züge, ehe sie ihre sorgsame Neutralität zurückgewann.„Ich weiß nicht recht, worauf Ihr anspielt", sagte sie glatt.„Ich spiele auf nichts an", sagte ich. „Ich lese es direkt ab, in diesem Moment, von Sela Crane selbst."Ich wandte mich Sela zu, im Bewusstsein, dass es hier auf Präzision ankam und nicht auf vage Anschuldigungen, auf jenes eine Detail, das Leugnen wirklich unmöglich machen würde, statt
Sennas SichtZwei Anerkennungen in der Hand, ein Alpha noch zu überzeugen, und diesen Alpha hatte bereits jemand anderes zuerst überzeugt.Ich verstand die Form dieses Problems, noch bevor ich Sela Cranes Territorium überhaupt erreichte, Ferins Warnung saß noch immer schwer in meiner Brust durch die gesamte Reise dorthin.„Was weißt du tatsächlich über sie", fragte ich Vayle, die sich mir zwei Tage nach der Archivextraktion wieder angeschlossen hatte, ihr eigenes Netzwerk hatte endlich alles nachgeholt, was geschehen war, während sie andere Fäden unseres zunehmend zersplitterten Widerstands verwaltet hatte.„Schroff", sagte Vayle. „Unabhängig. Gilt als eine der echt unentschlossensten Stimmen, die in dieser Nachfolgefrage übrig bleiben, genau weil sie sich einen Ruf aufgebaut hat, genau das zu sagen, was sie denkt, unabhängig davon, wen es unbequem macht."„Das passt nicht zu dem, was Ferin beschrieben hat", sagte ich.„Nein", stimmte Vayle zu. „Was bedeutet, welches Angebot oder welc
Senna (POV)Ich setzte mich. Nicht weil er es gesagt hatte. Sondern weil meine Beine mich seit dem Morgen getragen hatten und der Stuhl dort war und die Alternative darin bestanden hätte, vor einem Alpha zu stehen, der meinen Namen bereits kannte, während ich so tat, als wäre ich nicht innerlich au
Senna (POV)Davan führte mich durch die Anlagen des Rudels, ohne irgendetwas zu erklären. Ich begann zu verstehen, dass das in Crestfall keine Unhöflichkeit war, sondern ein Muster.Die Gästequartiere lagen in einem niedrigen Steinbau, etwas abseits vom Haupthaus. Er öffnete die Tür und trat zur Se
Senna (POV)„Du befindest dich auf markiertem Territorium.“Ich blieb stehen.Sie trat aus der Baumlinie, als wäre sie dort schon lange genug gewesen, um es sich bequem gemacht zu haben. Grenzwolf. Bewaffnet. Jung, vielleicht fünfundzwanzig, mit dem glatten Blick von jemandem, der klare Anweisungen
Senna (POV)Corvan redete weiter. Ich hörte schon nach etwa dreißig Sekunden auf, den Worten zu folgen. Stattdessen beobachtete ich andere Dinge.Wie Aldric sein Gewicht leicht auf den hinteren Fuß verlagerte. Wie Mira – die mir offenbar bis hierher gefolgt war – sich an die Ostwand presste, eine H







