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IN DIE ECKE GEDRÄNGT

Autor: Tracyy
last update Data de publicação: 2026-07-02 05:56:20

Alisons Perspektive

Der Ballsaal strahlte vor Eleganz, ganz aus poliertem Marmor und mit Kristallkronleuchtern geschmückt. Im Hintergrund spielte ein Orchester leise Musik, und Gelächter erklang wie Glockengeläut, während Rudelmitglieder, Adlige und Alphas aus fernen Ländern unter dem samtenen Nachthimmel speisten.

Ich stand am Rand des Saals und schaute zu; meine Schürze war durch ein schlichtes und bescheidenes, geliehenes schwarzes Kleid ersetzt worden. Es sah ganz und gar nicht aus wie Tamaras silbernes Seidenkleid, das wie Mondlicht schimmerte. Sie saß neben Alpha Ryder, ihre Hand fest um seinen Arm geschlungen.  

Er war alles, was ein Mädchen wie ich niemals berühren oder sich erträumen konnte. Es tut weh, weil ich zusehen muss, wie das, was mir gehört, als Eigentum eines anderen zur Schau gestellt wird. Und doch sah ich zu, weil ich einfach nicht anders konnte.  

Ryder mit Tamara zu beobachten, war, als würde man Feuer hinter einer Glasscheibe betrachten. Es war wunderschön anzusehen, aber gefährlich und unantastbar. Eine einzige leichte Berührung konnte einen verbrennen. 

Mein Wolf winselte leise, unruhig in mir hin und her, und ich sah sie erneut voller Eifersucht an.

Das Klirren von Besteck lenkte meine Aufmerksamkeit von ihnen ab, und ich schaute zu den Menschen, die am Tisch speisten. Sehr zufriedene, zustimmende Murmeln hallten durch den ganzen Saal.

Ich wandte mich Ryders Tisch zu und sah zu, wie er einen winzigen Bissen nahm und fast sofort zustimmend nickte. Schmetterlinge tanzten in meinem Bauch, und vor Freude hätte ich mich fast im Kreis gedreht.

Für einen kurzen Moment erlaubte ich mir, stolz zu sein, und sonnte mich in diesem kleinen Sieg. Ich hatte Ryders Wünsche pflichtbewusst befolgt und etwas zubereitet, das des Tisches eines Alphas würdig war. 

Plötzlich ertönte irgendwo in der Mitte des Saals ein schriller Schrei, und eine Frau in Rot brach als Erste zusammen, während sie sich den Bauch umklammerte. Ihr Partner fing sie im Fallen auf, doch dann begannen auch seine Arme zu zittern. 

Überall im Raum klirrten Teller auf den Boden. Männer und Frauen fielen in Scharen zu Boden. Ihre Haut bildete Blasen, und ekelerregende Geschwüre wuchsen auf ihren Körpern wie brennende Flüche; der Geruch von verwesendem Fleisch erfüllte die Luft.

Ich erstarrte. Jeder Muskel meines Körpers verkrampfte sich, während sich der Albtraum vor meinen Augen entfaltete. Jemand rief nach den Heilern. Ein anderer schrie nach den Wachen. 

Ryder stand unsicher da, sein Blick huschte von einem zusammengebrochenen Gast zum nächsten, bis er sich so fest am Tisch festklammerte, dass er sich stützen musste. Er atmete schwer, und seine Pupillen weiteten sich.  

Nein, nein, nein. Nicht auch er.  

„Das kann nicht sein …“, flüsterte ich, doch die Worte blieben mir im Hals stecken.  

„Wie ist das passiert?“, schrie jemand.  

„Es ist Gift! Gift im Essen!“  

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mir gefiel überhaupt nicht, wie sich die Sache entwickelte. 

Das kann doch nicht an meinem Essen liegen. An demselben Essen, das ich zweimal probiert hatte, damit es Ryders Geschmack entsprach?

Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück, und dann zeigte jemand auf mich.  

„Da!“, schrie die Person. „Es ist die Köchin!“  

Köpfe drehten sich um, und Dutzende Augen bohrten sich in mich. Ihr Misstrauen schlug in einem einzigen Atemzug in Wut um.  

„Es ist die Köchin!“  

„Alison war es!“  

„Sie ist die Einzige, die jedes Gericht zubereitet hat!“  

„Sie war es!“  

„Sie hat alle vergiftet!“  

„Nein“, brachte ich erstickt hervor. „Nein, das habe ich nicht – ich würde niemals –“  

Bevor ich blinzeln konnte, stürmten die Wachen auf mich zu. Ich taumelte zurück, von Panik ergriffen. 

Meine Stimme brach, als ich versuchte, es zu erklären. „Ich habe alles probiert! Ich schwöre es! Ich würde dem Rudel niemals etwas antun! Ich würde dem Alpha niemals etwas antun!“  

Aber keiner von ihnen hörte mich. Ryder wandte sich mir zu, und für einen Moment, als sich unsere Blicke trafen, glaubte ich, etwas hinter seinen sturmgrauen Augen aufblitzen zu sehen. Aber was auch immer es war, spielte keine Rolle, denn in seinen Augen war ich bereits eine Verräterin.

Ich eilte schnell auf seinen Tisch zu und sank zu seinen Füßen zusammen. Er wich von mir zurück, seine Stimme war heiser und voller Gift.

„Nehmt sie mit!“  

Die Wachen zerrten mich durch den Saal voller zusammengesunkener Körper und zerschmetterter Silberteller. Mein Kleid riss an den Nähten, und meine Knie schürften sich am Stein, als ich einmal hinfiel.

Ich weinte nicht, weil ich dazu gar nicht in der Lage war. Was hätte es jetzt noch gebracht, zu weinen? Ich hatte in einer Welt gelebt, in der mich niemand erkannte. Doch als sie mich erkannten, wurde ich zu einem Fluch.  

…

Das Gefängnis war kalt, feucht und dunkel; im Gang vor meiner Zelle brannte eine einzige flackernde Fackel. Ketten waren überflüssig. Schließlich hatte ich keine Möglichkeit zu fliehen.

Ich rollte mich auf der Steinbank zusammen, der Geruch von Gewürzen und Asche haftete noch immer an meiner Haut. Mein Wolf winselte, weil er nicht verstand, warum wir ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis saßen – und ich verstand es auch nicht.  

Wie soll ich erklären, wie ich von einer Aushilfsköchin zu einer Verdächtigen in einem Giftmordfall wurde? Wie konnte ich einen Mann vergiften, den ich von Geburt an lieben sollte? Wie kam es, dass ich zur Bösewichtin in meiner eigenen Prophezeiung wurde? Und warum gab mir das Schicksal einen Gefährten, der mich nicht sehen konnte und nicht einmal erkannte, dass ich unschuldig war?

Je mehr Fragen ich mir stellte, desto verwirrter wurde ich. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und ließ die Stille bis in meine Knochen dringen.  

Ich war wieder ganz allein. Nur dass diesmal alle Abstand von mir hielten, weil sie mich für ein Monster hielten, und nicht, weil ich mich absichtlich versteckte.

Und der einzige Mensch, der mich retten konnte, wusste nicht einmal, dass ich zu ihm gehörte.  

Die einzigen Geräusche, die ich jetzt hören konnte, waren das langsame, bedächtige Tropfen des Wassers, das von der Decke sickerte, und das Geräusch meines Herzens, das in Stücke zerbrach.

Früher träumte ich von dem Moment, in dem Ryder mich ansehen würde und vielleicht der Funke überspringen würde. Früher hatte ich die Hoffnung, dass sich vielleicht ein Faden des Schicksals straffen und uns zusammenführen würde. Früher dachte ich, er würde mich eines Tages mit liebevollen Augen ansehen.

Aber heute Abend sah er mich an, wie man ein Monster ansehen würde, und gab persönlich den Befehl, mich einzusperren.

Vielleicht hat mich das am meisten verletzt. Nicht der Verrat, sondern die Tatsache, dass er mich nicht verteidigt oder für mich gekämpft hat. Er hat mich nicht einmal zur Kenntnis genommen.

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