Se connecterPOV: Céline
Ich habe in dieser Nacht kaum ein Auge zugetan.
Jedes Mal, wenn ich die Lider schließe, sehe ich wieder vor mir, wie das silberne Licht von Aveline weicht, sich durch die schweigende Menge bahnt und exakt auf mich trifft.
Das Zeichen auf meiner Brust ist nicht verschwunden.
Die beiden Wachen standen die gesamte Nacht wie angewurzelt vor meiner Zimmertür. Gegen sechs Uhr morgens erlaubte mir einer von ihnen kurz das Bad zu benutzen, ehe er mich wortlos wieder einsperrte, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, was Laurent mit mir vorhat.
Ich sitze auf der Kante meiner schmalen Matratze, als das dröhnende Geräusch von Motoren vom Parkplatz heraufschallt. Vorsichtig schiebe ich den Vorhang einen Spaltbreit zur Seite.
Drei tiefschwarze Limousinen sind soeben durch das geschmiedete Eingangstor gerollt. Ihre Scheiben sind stark getönt, und die Männer, die aussteigen, tragen ausnahmslos Schwarz. Zwei von ihnen bleiben draußen vor dem Eingang stehen und sichern das Gelände, während die übrigen zielstrebig im Rudelhaus verschwinden.
Mein erster Instinkt ist es, zu prüfen, ob meine Tür verriegelt ist – obwohl ich genau weiß, dass ich von hier drinnen ohnehin keine Fluchtmöglichkeit habe.
Etwa zehn Minuten später schnappt das Schloss hörbar um.
Marc tritt zusammen mit einem der Wächter ein.
»Runter mit dir.«
Ich fahre so rasch hoch, dass mir kurz schwarz vor Augen wird.
»Warum? Was ist los?«
»Keine Fragen. Bewegung!«
Hastig ziehe ich den Kragen meines T-Shirts höher, doch die Rundung der silbernen Sichel ragt noch immer über den Stoff hinaus.
Marc stößt mich vor sich her. Schon auf den Treppenstufen beginnen meine Beine bedrohlich zu zittern. Ich versuche angestrengt zu lauschen, was unten vor sich geht, doch ich vernehme nur Laurents gehetzte Stimme. Er spricht im Akkord, und ein einziges Wort wiederholt er immer wieder wie ein Stoßgebet:
Verzeihung.
Als ich die Halle betrete, bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Laurent kniet mitten im Wohnzimmer auf dem Parkett.
Ich habe ihn noch nie vor jemandem knien sehen. Selbst auf den Sitzungen des Ältestenrats pflegte er zu beteuern, dass ein Alpha das Haupt einzig und allein vor der Göttin des Mondes beugt. Doch nun starrt er demütig auf den Boden, die Hände flach auf den Oberschenkeln abgelegt.
Aveline steht drüben am Kamin. Sie trägt ein hellblaues Kleid und das schimmernde Collier unserer Großmutter, doch dunkle Make-up-Ränder zeugen von den Tränen der Nacht. Sie würdigt mich eines kurzen Blicks, als ich den Raum betrete, ehe sie voller Abscheu den Kopf wegdreht.
Vor Laurent ragt ein Mann auf. Er ist deutlich größer als mein Vater, hat kurz geschorenes, rabenschwarzes Haar und breite, kraftvolle Schultern unter einem dunklen Mantel. Vier bewaffnete Männer stehen drohend hinter ihm. Niemand hat Platz genommen. Zwei Sessel wurden grob gegen die Wand geschoben, und die Scherben einer zerbrochenen Tasse liegen verstreut neben dem Couchtisch.
»Ich flehe Sie an, Alpha Valombre«, setzt Laurent mit brüchiger Stimme erneut an. »Es lag nie in meiner Absicht, Blackridge zu hintergehen oder zu beleidigen.«
Der Name lässt mich zusammenzucken. Es ist genau der Clan, über den die Gäste gestern Abend voller Ehrfurcht getuschelt haben.
Adrien Valombre wendet den Kopf kaum merklich in Avelines Richtung.
»Du hast versucht, mir die dort anzudrehen.«
Laurent senkt den Blick noch ein Stück tiefer.
»Ich habe einen verhängnisvollen Fehler begangen.«
»Bring mir die Wahre. Jetzt.«
In diesem Moment entdeckt Laurent mich am Fuß der Treppe. Eine Welle der Erleichterung schießt über seine Züge – so flüchtig, dass ich sie fast verpasst hätte.
»Sie ist hier!«
Marc versetzt mir einen harten Stoß zwischen die Schulterblätter. Wie betäubt wanke ich durch den Raum, ohne zu wissen, wohin ich schauen soll. Aveline weicht angewidert zurück, als ich an ihr vorbeigehe, als befürchte sie, mein Ärmel könnte ihr kostbares Kleid berühren.
Laurent streckt mit zitternden Fingern die Hand nach mir aus.
»Komm her, Céline.«
Ich reiche ihm meine Hand. Er zieht mich dicht an sich heran, ohne aufzustehen.
»Sie ist es, Alpha Valombre. Sie ist diejenige, die der Mond gestern Abend erwählt hat.«
Adrien richtet seine Augen zum ersten Mal voll auf mich. Sein Blick ist so finster und unergründlich, dass mir der Atem stockt und ich unwillkürlich die Augen niederschlage.
Mit einem ruckartigen Griff packt er mich am Arm und reißt mich ohne Vorwarnung zu sich heran.
Ich pralle hart gegen seine breite Brust. Eine seiner wuchtigen Hände schließt sich eisern in meinem Nacken, die andere umfasst meine Taille. Er neigt den Kopf und atmet tief an meiner Halsbeuge ein. Ich erstarre, wage kaum zu atmen. Meine Wölfin tief in mir bleibt stumm und unbeweglich; ich spüre rein gar nichts außer dem unerbittlichen Druck seiner Finger auf meiner Haut.
Nach einigen Sekunden des Verharrens stößt er mich kalt von sich.
»Ich spüre keinerlei Band zwischen uns.«
Laurent schießt der Kopf hoch.
»Das ... das kann nicht sein! Sie ist es! Hunderte Zeugen haben es mit eigenen Augen gesehen!«
Adrien wendet sich ihm langsam zu. Seine Stimme bleibt gefährlich leise, voller kontrollierter Grausamkeit.
»Wenn du versuchst, mir noch eine zweite falsche Luna vorzusetzen, machen meine Männer als Erstes mit dir kurzen Prozess. Danach räumen sie dieses Anwesen aus und anschließend jedes einzelne Haus auf deinem Territorium. Vor dem Mittag wird in Silverpine kein einziger Wolf mehr am Leben sein.«
Meine Beine geben nach. Nur weil Marc mich grob am Ellbogen packt und hochreißt, breche ich nicht auf dem Boden zusammen.
Laurent öffnet den Mund, doch ihm versagt die Stimme. Totenbleich verharrt er auf den Knien, jedes Fältchen seines Gesichts von schierer Panik gezeichnet.
Der Mann, der direkt hinter Adrien steht, mustert mich mit scharfen Augen.
»Wenn der Mond sie tatsächlich für Blackridge bestimmt hat, trägt sie vielleicht schon unser Krest.«
Unwillkürlich wandert meine Hand zum Kragen meines T-Shirts.
Adrien entgeht diese Bewegung nicht. Mit zwei schnellen Schritten ist er wieder bei mir und packt den Stoff meines Shirts.
»Nein ...«, hauche ich, doch ehe ich zurückweichen kann, reißt er den Baumwollstoff brutal entzwei.
Das Material fetzt mit einem scharfen Geräusch vom Kragen bis hinab zur Mitte meiner Brust. Kalte Luft trifft meine nackte Haut. Erschrocken schlinge ich die Arme über meinen BH, um mich vor seinen Blicken zu schirmen.
Adrien greift nach meinem Handgelenk.
»Lass los.«
Ich schaffe es nicht. Seine Finger schließen sich so fest um meine Haut, dass ein stechender Schmerz durch meinen Arm fährt, dann reißt er meinen Arm gewaltsam nach unten.
Die silberne Mondsichel über meiner linken Brust liegt völlig frei, umrandet von den drei kohleschwarzen Linien.
Ich sehe, wie Laurents Blick wie gebannt an dem Zeichen haften bleibt. Aveline macht mit offenem Mund einen fassungslosen Schritt auf uns zu.
»Sie hat es vor uns versteckt!«, kreischt sie.
Adrien fährt mit dem Daumen langsam über die Sichel. Sofort flammt die stechende Hitze unter meiner Haut wieder auf, doch meine Wölfin im Inneren bleibt weiterhin stumm und unberührt von seiner Berührung.
Sein Blick wird steinhart. Er kennt dieses Symbol nur zu gut – genau diese Sichel und dieselben schwarzen Zackenmuster sind auf den Jacken seiner Gefolgsleute eingestickt.
Eine Sekunde lang lässt Adrien seine Hand noch auf meiner heißen Haut ruhen, als würde er auf eine Reaktion warten, die einfach nicht eintreffen will. Dann lässt er mich abrupt los.
Hastig ziehe ich die Fetzen meines zerrissenen Shirts über meiner Brust zusammen, doch meine Finger zittern so heftig, dass ich den Stoff kaum festhalten kann.
»Luc, bereite die Übergabepapiere vor«, befiehlt Adrien kalt. »Sie kommt mit uns.«
Der Angesprochene zieht auf der Stelle sein Smartphone hervor.
Laurents Blick klebt noch immer an der Tätowierung auf meiner Brust, ehe er langsam über die bewaffneten Männer in seinem Wohnzimmer und weiter zu den dunklen Limousinen vor dem Fenster wandert. Er fährt sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Das Zittern seiner Hände hat schlagartig aufgehört.
Er erhebt sich langsam vom Boden, klopft sich sorgfältig den Staub von den Knien und richtet die Manschetten seines Hemdes. Als er sich Adrien wieder zuwendet, hält er zwar den Kopf gesenkt, doch das Verzweifelte in seiner Stimme ist verflogen.
»Selbstverständlich. Silverpine würde sich niemals den Forderungen von Blackridge widersetzen.«
Er tritt an meine Seite, legt mir schwer die Hand auf die Schulter und zieht mich eng an sich. Noch gestern wollte er nicht einmal, dass ich ihn vor den Gästen ›Papa‹ nenne.
»Céline ist meine Tochter«, fährt er fort, und seine Stimme klingt plötzlich gewandt und berechnend. »Sie ist in meinem Rudel geboren. Ihr Geburtsband untersteht meiner Autorität – und ich bin der Einzige, der sie lösen kann, ohne dass sie dauerhaften Schaden nimmt.«
Er blickt weder auf mein zerrissenes Shirt noch auf mein schmerzendes, gerötetes Handgelenk. Sein Blick haftet einzig und allein auf dem silbernen Wappen von Blackridge an Adriens Mantel.
»Unsere Grenze wird seit Monaten angegriffen. Wir haben Männer verloren, medizinische Vorräte und einen beträchtlichen Teil unserer Reserven. Sie werden verstehen, dass eine Übergabe von dieser Tragweite nicht mit einer bloßen Unterschrift abgetan werden kann.«
Adrien lässt ihn ausreden. Sein Blick wandert langsam hinab zu der Hand auf meiner Schulter und hebt sich dann wieder zu Laurents Gesicht.
»Dann nenn mir deinen Preis.«
POV: CélineDrei Monate später weiß Noé, welcher Schlüssel welche Tür öffnet.Er verwechselt noch immer seine Schuhe und isst manchmal den Kleber von den Etiketten, aber er reicht den blauen Schlüssel, wenn wir in Falaises ankommen, und den schwarzen vor der Familienwohnung in Blackridge.An diesem Freitag wählt er zuerst den falschen. Cassian lässt ihn zweimal probieren, bevor er ihm die Farbe des Lesegeräts zeigt.„Schwarz“, sagt Noé voller Überzeugung.„Das habe ich gerade gesagt.“„Schwarz.“Ich steige die Treppe hinter ihnen hinauf, meine Arbeitstasche über der Schulter. Wir haben den Tag in der Werkstatt verbracht. Cassian ist um siebzehn Uhr nach seiner letzten Besprechung gekommen, um Noé abzuholen, und er hat gewartet, bis ich eine Naht zu Ende genäht hatte, anstatt jemanden zu schicken, der meine Sachen packt.Im Kofferraum liegen vier reparierte Jacken von Blackridge, abgerechnet zum regulären Preis. Luna zu sein vereinfacht die Arbeit in der Werkstatt nicht; es fügt ihr ei
POV: CélineDer Stuhl der Luna bleibt im Foyer leer.Man hat ihn rechts neben den von Cassian gestellt, leicht zurückversetzt. Ich verlange, dass man ihn vor Beginn der Sitzung auf dieselbe Höhe bringt. Zwei Angestellte sehen Cassian an. Er gibt ihnen mit einer Handbewegung das Zeichen, das Podium ohne Diskussion umzustellen.Ich setze mich noch nicht.Mireille bringt drei Sensoren unter meiner Bluse an. Ysabeau wartet nahe dem Tisch des Rates. Sie hat das Band von Blackridge fast zwanzig Jahre lang getragen; sie ist die einzige anwesende Person, die weiß, was die Öffnung auslösen kann.„Das Rudel wird einen Platz in deinem Geist suchen“, sagt sie. „Du kannst schließen, sobald du es brauchst.“„Selbst nach der Zustimmung?“„Eine Luna ist keine Tür, die man offenstehen lässt.“Cassian bleibt auf der anderen Seite des Tisches. Seit dem Marking spüre ich seine Aufmerksamkeit, ohne ihn ansehen zu müssen. Er rührt das Band nicht an, um mich zu beruhigen.Die Präsidentin verliest erneut die
POV: CassianIch spüre, dass Céline aufwacht, bevor sie die Augen öffnet.Das Band übermittelt zuerst ein leichtes Unbehagen an ihrem Hals, dann das Gewicht meiner Hand auf ihrer Taille. Sie bleibt einige Sekunden reglos liegen. Ihre Aufmerksamkeit wandert zur Tür, zu ihrer Kleidung auf dem Sessel und zur Uhrzeit auf meinem Telefon.Der alte Reflex ist noch immer da.Ich ziehe meinen Arm zurück.Céline dreht sich zu mir um. Der Biss hat bereits begonnen zu heilen, dunkel auf ihrer Haut. Sie legt zwei Finger darauf, und eine Welle der Wärme strömt im Gegenzug durch mich hindurch.„Es ist seltsam“, sagt sie.„Ja.“„Hören Sie alles?“„Nur das, was laut genug ist. Und du?“Sie schließt die Augen. Eine Sekunde später trifft ihre Sorge die meine mit einer brutalen Präzision.„Sie haben Angst, dass ich nicht zurückkomme.“„Ja.“Ich könnte die Antwort abschwächen, ihr erklären, dass das Band neu ist oder dass die Trennung eine normale Reaktion hervorruft. Das hieße jedoch, meinen eigenen Ante
POV: CélineCassian schließt seine Hand nicht sogleich um meinen Hals.Seine Handfläche bleibt auf meiner Haut liegen, warm und schwer, genau an der Stelle, die ich gewählt habe. Das neue Alpha-Band erfüllt noch immer die Luft um ihn herum, aber er nutzt es nicht. Er wartet darauf, dass ich den nächsten Schritt mache.Ich knöpfe meine Bluse auf.„Ich will keine Zeugen. Keinen Rat danach. Keine Ankündigung, bevor ich morgen abreise.“„Niemand wird diese Tür überschreiten.“„Und das macht mich nicht zu deiner Luna.“„Nein.“Die Antwort erfolgt ohne das geringste Zögern.Ich nehme mamas Anhänger ab, damit er sich nicht in der Kette verfängt, und lege ihn neben das Bett. Meine Finger zittern noch mehr, als ich den Rest ablege. Cassian sieht mich an, ohne näher zu kommen. Seine Beherrschung lässt in mir den Wunsch aufkeimen, sie zu brechen.Ich trete an ihn heran und reiße sein Hemd mit einem Ruck auf. Zwei Knöpfe springen auf den Parkettboden.„Du hast gerade das einzige ordentliche Hemd
POV: CassianCéline betritt das Foyer nach Eröffnung der Abstimmung.Sie trägt eine schwarze Hose und den Anhänger ihrer Mutter, nicht das Gewand, das einst für die Luna von Blackridge angefertigt worden war. Ein Vertreter des Rates weist ihr den Weg zur Zeugenreihe. Sie setzt sich zwischen Élias und Mireille.Nicht an meine Seite.Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder der Präsidentin zu.Das Foyer trägt noch die Spuren des abgewehrten Angriffs: ein Fenster, das durch eine provisorische Platte ersetzt wurde, sichtbare Kabel nahe des Podiums, zwei Wächter mit dem Arm in der Schlinge. Ich habe mich geweigert, auf die Reparaturen zu warten. Blackridge braucht keine neue Kulisse, um zu entscheiden, wer das Kommando führt.Die Schriftführerin verliest die drei Anträge.Der erste bestätigt die endgültige Absetzung Adriens und seine lebenslange Isolation. Der zweite erkennt meine militärische Führung an, die ich seit seinem Verschwinden ohnehin ausgeübt habe. Der dritte stellt die ausgesetzt
POV: CélineIch beende das Lesen der Akte um sechs Uhr morgens.Die Dokumente des Rates bestätigen die vier Festnahmen, die beschlagnahmten Relaisstationen und die Herkunft des Sprengstoffs. Ein Anhang zeichnet jede Abfrage meiner Adresse seit der Entdeckung des Codes nach. Es gibt keine einzige von Seiten Blackridges. Cassian hat seine Operation mit den Informationen aufgebaut, die ich ihm gegeben hatte, ohne zu fragen, wo Noé schlief, oder mein Telefon zu überwachen.Adriens letzte Zelle ist aufgelöst.Ich hatte eine lautere Erleichterung erwartet. Ich schließe einfach den Computer und gehe hinunter, um Noés Frühstück zuzubereiten.Um Mittag schreibt mir Cassian: Der Rat hat dir die Einladung für Donnerstag geschickt. Du bist nicht verpflichtet zu kommen.Ich antworte: Ich werde kommen.Dann, bevor ich es mir anders überlege: Sind Sie heute Abend frei?Die drei Punkte erscheinen fast augenblicklich.Ja.Ich wähle das Restaurant aus.Cassian trifft um neunzehn Uhr vor der Werkstatt e







