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Kapitel 4 — Dort, wo die Frauen allein kämpfen

last update Last Updated: 14.02.2026 18:10:10

Élise

Die Decke ist direkt über meinem Bett rissig.

Jeden Abend schaue ich sie an. Wie eine offene Wunde, die sich weigert, zu heilen. Ein bisschen wie wir.

Manchmal habe ich das Gefühl, sie wird einstürzen. Und in diesen Momenten stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn alles auf einmal zusammenbräche. Keine Miete mehr zu zahlen. Keine kleinen, kalten Morgen mehr. Keine zu schweren Taschen, keine Mäuler zu stopfen mit nichts, keine gezwungenen Lächeln, um zu glauben, dass alles gut ist.

Aber die Decke fällt nie. Sie bleibt da, wie ein trauriges Versprechen, treu in ihrem Elend.

In dem engen Zimmer, das ich mit Mama teile, ist die Luft immer ein bisschen zu feucht. Die Wände schimmeln in den Ecken, die Fenster schließen schlecht, und der Geruch von billigem Waschmittel schwebt in der Luft, vermischt mit dem alten Plastik und dem Schweiß der Müdigkeit. Wir haben nicht viel. Aber wir atmen. Wir überleben auf unsere Weise.

Ich stehe leise auf, der Linoleumboden knarzt unter meinen barfüßigen Füßen, ich umgehe ihn aus Gewohnheit, um Mama nicht zu wecken. Aber sie ist schon wach. Sie schläft nie wirklich. Sie schwebt zwischen zwei Welten, zwischen zwei Erschöpfungen. Eine des Körpers, die andere des Herzens.

Meine Großmutter spricht allein in der Küche. Sie beschwert sich über die Welt, über die Männer, über die Regierung, über die Preise für Öl und die Nieren, die ihr wehtun. Das Radio knistert im Hintergrund mit einer Wettervorhersage. Wieder ein Wasserengpass. Wieder Eimer, die dringend gefüllt werden müssen.

Ich ziehe meine abgewetzten Jeans an, binde meine Haare zu einem straffen Dutt und öffne die Tür des Zimmers mit der Langsamkeit einer Katze. Hier ist die Stille kostbar. Man muss lernen, sie zu bewahren. Sie schützt. Sie verbirgt die Risse.

Mama sitzt am Rand des Sofas, einen alten Becher in den Händen. Ihr Kaffee ist seit langem lauwarm. Sie starrt ins Leere mit diesem Ausdruck, den ich gut kenne: den einer Frau, die ihre Niederlage akzeptiert hat, ohne es zuzugeben. Nachts arbeitet sie in einem Kühlhaus. Tagsüber tritt sie hinter die Aufgaben zurück, hinter Oma, hinter mich.

— Du solltest schon längst weg sein, murmelt sie.

Ich nicke, greife nach meiner Tasche. Meine alte schwarze Tasche, an den Nähten abgewetzt, die ich überall mitnehme wie ein Schild. Darin sind meine Hefte, mein Studentenausweis, mein Stolz.

Oma schlägt eine Schublade zu. Sie kommt in den Raum, mit Mehl bis zu den Ellenbogen, das Geschirrtuch über die Schulter geworfen wie eine Rüstung.

— Hast du die Uhr gesehen? Willst du deine Zukunft verpassen oder was? Hier wirst du dein Schicksal nicht finden. Nicht in diesen schimmeligen Wänden.

Ich senke den Blick, ich antworte nicht.

Sie fährt fort:

— Und vergiss nicht: Ein Mann ist der erste Fehler. Er nimmt dir deinen Körper, dann deine Zeit, und danach geht er. Wie dein Großvater. Wie dein Vater. Wie all die anderen Männer der Frauen hier.

Sie wirft mir einen harten Blick zu, doch darin ist eine Art verdrehte Liebe. Eine Liebe, die gelernt hat, zuzuschlagen, um zu existieren.

Dann beginnt, wie jedes Mal, das Konzert der Nachbarinnen. Sie reden laut im Flur, ihre Stimmen durchdringen die zu dünnen Wände.

— Deine Enkelin ist hübsch, Gisèle, aber pass auf… Hübsche Mädchen ziehen Probleme an.

— Ich sage, wer zu viel Zeit an der Universität verbringt, versucht zu vergessen, woher sie kommt.

— Und ihr Vater? Wir wissen nicht einmal, wer er ist, oder? Es gibt keinen Mann, der in dieser Familie geblieben ist.

Ich schließe die Augen. Jedes Wort dringt wie eine Nadel unter die Haut.

Sie urteilen über mich. Immer.

Weil wir keinen Ehemann haben, weil wir unter Frauen leben, weil Armut wie ein Fluch vererbt wird.

Mama seufzt, steht langsam auf. Sie geht zum Waschbecken, öffnet den Wasserhahn, der kaum fließt, und sagt, ohne sich umzudrehen:

— Du wirst jemand werden, Élise. Du hast nicht das Recht, uns Schande zu machen. Nicht du.

Ich möchte ihr sagen, dass ich nicht fliehen will. Dass ich für uns drei erfolgreich sein will. Um ihnen endlich ein Leben zu bieten, in dem wir nicht mehr die Hand ausstrecken müssen.

Aber ich habe keine Zeit. Die Welt wartet nicht auf mich.

Ich gehe hinaus. Die Tür knarzt. Die Nachbarinnen mustern mich. Eine von ihnen wirft mir einen schiefen Blick zu, eine Zigarette im Mund.

— Sie hat die Manieren einer, die sich für zu gut für den Stadtteil hält. Sie wird enden wie ihre Mutter.

Ich beiße die Zähne zusammen. Meine Beine tragen mich zur Tür hinaus, in die Kälte des Morgens.

Draußen scheinen die Gebäude alle stehend zu schlafen. Der Beton ist schmutzig, die Fenster sind zerbrochen, das Lachen der Kinder hallt wie Schreie des Überlebens.

Ich gehe schnell. Als ob jeder Schritt mich für immer hier herausbringen könnte.

Ich denke an meine Kurse, an meine Prüfungen, an die Bücher, die ich mir in der Bibliothek ausleihe, um mich mit anderen Orten zu füllen.

Aber trotz all meiner Bemühungen, trotz meines Willens, mich zu konzentrieren… da ist diese Nacht, dieses Dach. Diese geteilte Stille.

Und dieser Blick von diesem Herrn.

Er hat mich gesehen, als ich unsichtbar war.

Und seitdem ist er da, in einer Ecke meines Kopfes. Eine zerbrechliche, aber hartnäckige Präsenz.

Ich kann ihn nicht lieben. Ich kann nicht. Nicht jetzt. Nicht mit dem, was ich trage.

Aber im Tumult der Realität ist er dieser Herzschlag, der mich daran erinnert, dass ich lebendig bin.

Also gehe ich weiter.

Die Tasche schneidet in meine Schulter. Die Kälte verbrennt meine Wangen.

Aber ich halte meinen Kopf hoch.

Denn eines Tages werde ich hier herauskommen.

Und sie werden nichts mehr zu sagen haben.

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