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Der rätselhafte Mr Hastings
Der rätselhafte Mr Hastings
Talissa O'Shrigar

Kapitel 01 – Chris

last update Veröffentlichungsdatum: 21.08.2026 21:55:00

„Ist für die Verkündung der Fusion alles vorbereitet?“, fragte ich und ging im Hotelzimmer auf und ab. Mein persönlicher Assistent und Bodyguard, Simon, nickte.

Simon war ein richtiger Schrank von einem Mann, mit warmen braunen Augen und kastanienbraunem, hüftlagem Haar, das er zu einem Pferdeschwanz gebunden trug. Wir waren seit unserer Kindheit befreundet; ich anvertraute ihm mein Leben.

„Alles startklar, Boss“, antwortete er. „Willst du wirklich immer noch verdeckt arbeiten?“

„Immer“, sagte ich. „Die Angestellten sind schließlich die Einzigen, die mitkriegen, was wirklich läuft.“ Ich grinste und fing an, mich umzuziehen – Tausch von Maßanzug gegen Jeans und Hemd. „Steht mein Jet startbereit auf der Landebahn?“, fragte ich und wechselte meine Armbanduhr gegen ein günstigeres Modell aus. Simon bedachte mich mit einem skeptischen Blick.

„Boss“, meinte er warnend. „Dein Jet ist heute Morgen mit Theodore zu Hause gelandet. Wir fliegen in vier Stunden Holzklasse.“

„Stimmt ja“, sagte ich und verzog das Gesicht, während ich noch einmal meine Unterlagen durchging. „Ich hasse Fliegen.“

„Ich weiß“, erwiderte Simon. „Aber es ist nur ein Kurzstreckenflug – und Chris Stewart kann sich nun mal beim besten Willen keinen Privatjet leisten.“

„Stimmt auch wieder“, sagte ich. „Lass uns losmachen. Und hör auf, mich Boss zu nennen.“

„Wie du meinst, Chris“, sagte er mit einem hämischen Grinsen.

Wir nahmen ein Taxi zum Flughafen und warteten im Terminal. Genau wie ich war auch Simon ganz leger in Jeans und Hemd unterwegs; wir hatten beide nur einen Rucksack dabei. Den Rest meines Gepäcks hatte Theo schon mitgenommen. Um uns herum herrschte hektisches Treiben; an solchen Trubel war ich einfach nicht gewöhnt. Simon drückte mir ein Glas Wein in die Hand, aber es half nichts – und mehr trinken wollte ich trotz meiner Vorliebe für edle Tropfen auch nicht.

Als das Boarding begann, gehörten wir zu den Letzten. Ich setzte mich auf den Mittelsitz und klemmte Simon am Fenster ein.

Eine Frau, ein paar Jahre jüngerg als ich – so um die fünfundzwanzig –, tauchte neben mir im Gang auf. Sie trug Jeans, Bluse und eine Weste. Als sie sich streckte, um ihr Handgepäck im Überkopfgepäckfach zu verstauen, und dabei ihre schlanke Taille enthüllte, fiel sie mir sofort ins Auge. Zugegeben: Ich habe schon immer ein Auge für schöne Frauen gehabt, und sie war ein echter Blickfang. Sie hatte weibliche Rundungen, leuchtend blaue Augen und langes, glattes, kastanienbraunes Haar, das mit einem seitlichen Pony zum Pferdeschwanz gebunden war. Sie war ungeschminkt, aber ihre sonnengeküsste Haut ließ ihre Augen erst recht strahlen. Als sie merkte, dass ich sie anstarrte, schenkte sie mir bloß ein höfliches Lächeln. Ihr Parfum stieg mir in die Nase, aber in diesem Moment schwirrte mir nur der bevorstehende Start im Kopf herum.

„Ich hasse Fliegen“, murmelte ich, als das Flugzeug zur Startbahn rollte. „Eben deshalb sind Privatjets einfach besser.“

„Den meisten Leuten würden Privatjets wohl besser gefallen“, sagte die Frau schmunzelnd. Sie griff in ihre Schultertasche und holte ein kleines, zylinderförmiges Röhrchen heraus.

„Möchten Sie eine?“, fragte sie freundlich. „Bei Flugangst wirken die Wunder.“

Simon warf ihr einen Blick zu, nahm das Röhrchen entgegen und überflog das Etikett.

„Genau das Richtige für dich, Chris“, sagte er und reichte mir eine Tablette nebst einer kleinen Flasche Wasser.

Die Anspannung in meiner Brust begann sich langsam zu lösen. Die Frau zog ein Buch aus ihrer Tasche.

„Danke“, sagte ich. „Ich fühle mich jetzt schon besser.“ Sie lächelte und wandte sich dann Simon zu.

„Ihr Freund wird Ihnen die in Zukunft sicher besorgen können.“ Sie schlug ihr Buch auf und fing an zu lesen.

„Was lesen Sie da?“, fragte ich, auf der Suche nach Ablenkung.

„Einen Krimi.“ Sie neigte den Einband leicht in meine Richtung. Es war der neueste Bestseller eines bekannten Thriller-Autors.

„Taugt der was?“, fragte ich. Ich hatte zwar selten Zeit dafür, aber für gute Krimis hatte ich schon immer eine Schwäche.

„Er braucht ein bisschen, um in Fahrt zu kommen, aber ab der Mitte zieht er richtig an“, sagte sie geduldig. „Also ja, lohnt sich durchaus.“

„Müsste das nicht eher ein Liebesroman sein?“, stichelte ich. „Frauen in Ihrem Alter stehen doch meistens auf so was.“

„Mich sprechen die wenigsten Liebesromane an“, antwortete sie gelassen. „Mit diesem 'Ich kann nicht mit dir, aber auch nicht ohne dich'-Drama kann ich einfach nichts anfangen.“ Sie schmunzelte leise.

„Wie wäre es stattdessen mit einer Geschichte, in der eine Frau einen Mann im Flugzeug vor einem Herzinfarkt rettet – und er sich mit einem Abendessen revanchiert?“, fragte ich mit meinem charmantesten Lächeln. Holzklasse hin oder her: Diesem Blick hielt kaum eine Frau stand.

„Ich wage zu bezweifeln, dass der Mann in dieser Geschichte auch nur annähernd kurz vor einem Herzinfarkt stand“, konterte sie, ohne den Blick vom Buch zu wenden.

Simon grinste in sich hinein und schloss die Augen. Den Rest des Fluges verbrachte ich damit, mich über die Kabinentemperatur und das Geschrei der Kinder ein paar Reihen weiter vorne zu beschweren; Simon würdigte das Ganze nur mit einem einsilbigen Brummen.

„Wann landen wir eigentlich?“, fragte ich schließlich. Simon warf einen Blick auf seine Uhr.

„In einer halben Stunde, Chris“, antwortete er. „Wieder nervös?“

„Nein“, brummte ich. „Ich hasse es einfach, tatenlos herumzusitzen.“

Die Frau zog einen Müsliriegel aus ihrer Tasche und hielt ihn mir hin.

„Was soll ich denn damit?“, fragte ich. „Ich habe keinen Hunger.“

„Mag sein“, meinte sie gelassen, „aber solange Sie kauen, muss ich mir Ihr Gemcker nicht anhören und kann in Ruhe weiterlesen.“ Simon verkneifte sich ein Lachen. Widerwillig nahm ich den Riegel und biss hinein. Er schmeckte überraschenderweise gar nicht mal schlecht.

„Wir setzen gleich zur Landung an“, bemerkte Simon, während die Frau ihr Buch wegsteckte und den Anschnallgurt straff zog.

Die Räder berührten den Boden, und das übliche Gedrängel beim Aussteigen begann. Die Frau trat in den Gang; Simon schob sich vor mich, um mir als Prellbock den Weg freizumachen, und ich folgte ihm nach draußen. Ich meinte, eine Frauenstimme zu hören, die „Chris!“ rief, aber Simon verstand sich meisterhaft darauf, Bahn durch die Menge zu brechen. Wir erreichten das Terminal und traten in Rekordzeit an die frische Luft.

Simon winkte ein Taxi herbei, und wir stiegen ein.

„Nach Hause?“, fragte Simon. Ich schüttelte den Kopf.

„Zur Übergangswohnung“, sagte ich, woraufhin Simon dem Fahrer die Adresse nannte. „Du fährst nach Hause. Ich muss in der neuen Bude noch ein paar Sachen packen und ein Geschenk für Sonny und Jade besorgen. Ich war vor der Reise ziemlich abrupt zu den beiden; ich bin ihnen einen Besuch schuldig.“

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