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9

Author: Obaida
last update publish date: 2026-09-17 05:36:00

**Kapitel 9**

„Einhundertzwanzig …“, stöhnte ich leise und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Allein diese Zahl fühlte sich an, als hätte sie mir meinen Traum in einem einzigen Augenblick aus den Händen gerissen und zwischen meinen Fingern zerfallen lassen.

Jesse trat näher, legte einen Arm um meine Schultern und drückte sie sanft. Seine Geste war still, aber beruhigend.

„Mach dir keine Sorgen, Ari“, flüsterte er. „Wir werden dich richtig trainieren. Heute war einfach ein schlechter Tag. Außerdem haben sie noch nicht einmal getestet, was du wirklich kannst.“

„Er hat recht“, sagte Raff ruhig.

Ich hob langsam den Kopf. Sein ernster Blick ruhte auf mir. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich mit diesem Gefühl anfangen sollte, das sich in mir ausbreitete. Dieser Blick erinnerte mich so sehr an meinen Vater – diese Mischung aus strenger Wachsamkeit und einer Zuneigung, über die man nicht sprach.

„Wir bringen dich schnell auf ein anderes Niveau, Ari“, fuhr er gelassen fort. „Du brauchst nur … mehr Training.“

Ich atmete langsam aus.

„Es ist ja nicht so, als müsstet ihr euch um mich kümmern.“

Ich lehnte mich ein wenig zu Jesse hinüber und wandte den Blick wieder der Tafel zu. Doch kaum hatte ich ihre Platzierungen gesehen, hielt ich inne.

„Erster … und Vierter.“

Ein schiefes Lächeln zuckte über meine Lippen. Ein kleiner Stich von Eifersucht mischte sich hinein, während ich die beiden finster ansah.

„Ernsthaft? Musstet ihr mir euren überwältigenden Erfolg auch noch so unter die Nase reiben?“

Raff lächelte nur leicht, während er seinen Teller leerte und mit sichtbarem Appetit weiter aß.

„Jemand muss schließlich den Namen Sinclair würdig vertreten“, sagte er gelassen.

Dann deutete er mit der Gabel auf meinen Teller.

„Iss ordentlich, Ari. Du wirst heute jede einzelne Kalorie brauchen.“

Ich seufzte, stopfte mir die Würstchen in zwei hastigen Bissen in den Mund und aß anschließend noch die Orange auf. Während wir unsere Tabletts abräumten und zur Tür gingen, fiel mir jedoch plötzlich etwas auf.

Ich hatte nicht richtig hingesehen.

Im letzten Moment drehte ich mich noch einmal um. Mein Blick glitt hastig über die Namensliste.

Luka Grant … ihn fand ich sofort.

Platz fünf. Direkt hinter Jesse.

Ich blieb einen Moment stehen.

Hieß das, Jesse hatte ihn gestern bei der Auslosung geschlagen?

Seltsam. Das hätte er doch erwähnt.

Aber Raff …

Wenn er den anderen im letzten Durchgang besiegt hatte, dann bedeutete das …

Platz zwei.

Meine Augen wanderten über die Tafel, bis sie schließlich an einem Namen hängen blieben.

**Jackson McClintock.**

Der Name hallte noch in meinem Kopf nach, als Raff bereits meinen Arm ergriff und mich aus der Halle zog.

Jackson … und Luka.

*Unsere Gefährten*, meldete sich meine Wölfin in meinem Inneren, und ihre Stimme triefte vor Zufriedenheit.

Auf dem Weg zur Sporthalle breitete sich eine leise, kaum zu unterdrückende Freude in meiner Brust aus.

Ein seltsames Kribbeln zog durch meinen Magen.

Denn jetzt wusste ich, wer sie waren.

Aber sie …

Sie wussten nicht, wer ich war.

Noch nicht.

Ich hob den Blick zu Raff und Jesse, die neben mir gingen. Als wir die Sporthalle betraten, steuerten wir auf die Gruppe von Anwärtern zu, die sich vor einem gewaltigen Hindernisparcours versammelt hatte.

„Danke“, sagte ich leise.

Eine Welle echter Dankbarkeit durchströmte mich, stärker, als ich erwartet hatte. Denn tief in mir wusste ich genau, wie die Sache aussah: Wenn es überhaupt jemanden gab, der mich aus den Tiefen dieser Rangliste wieder nach oben holen konnte, dann waren es die beiden.

„Danke, dass ihr an mich glaubt.“

Raff neigte leicht den Kopf.

„Bedank dich noch nicht. Das Training ist gerade dabei, dich zu zerlegen. Bist du bereit?“

Ich stieß einen leisen Seufzer aus.

„Wahrscheinlich nicht.“

Jesse schenkte mir ein kleines Lächeln, das mir verriet, dass er es vollkommen ernst meinte. Ich zuckte jedoch nur mit den Schultern und nickte ihnen trotzig zu.

Ich war bereit.

Zumindest bereit, es zu versuchen.

Am Ende stellte sich allerdings heraus, dass Raff nicht übertrieben hatte.

Nach diesem Training verspürte ich keinerlei Bedürfnis mehr, mich bei ihnen zu bedanken.

Es war so hart, dass ich kaum glauben konnte, dass man das überhaupt Training nannte.

Es fühlte sich eher wie eine endlose Strafe an.

Laufen über komplizierte Parcours.

Über hohe Hindernisse springen.

An rauen Seilen und Ketten hinaufklettern, die mir die Handflächen aufrissen.

Und das alles hatte kaum etwas mit dem Kampftraining zu tun, das ich kannte.

Nichts davon lag mir.

Ich war schlecht.

Nicht einfach schlecht.

Demütigend schlecht.

Wenigstens teilte man uns mit, dass dieser Tag nicht in die Bewertung einfließen würde. In zwei Wochen würden wir den Parcours wiederholen, und erst dann würde das Ergebnis unsere Platzierung beeinflussen.

Das machte es allerdings kein bisschen angenehmer.

Ich biss die Zähne zusammen und kroch durch das letzte Hindernis.

Eine Sandgrube, überspannt von niedrigem Stacheldraht, unter dem ich mich so tief ducken musste, dass meine Brust beinahe den Boden berührte.

Jede Bewegung wurde zu einer neuen Prüfung meiner Geduld.

Jeder Atemzug zu einem kleinen Kampf gegen den Wunsch, einfach aufzugeben.

Ich zog mich mit brennenden Armen Zentimeter für Zentimeter vorwärts, als plötzlich ein Schatten wie ein Sturm an mir vorbeischoss.

Jackson.

Er überholte mich mit erschreckender Leichtigkeit. Nur ein kurzer, scharfer Blick streifte mich, dann war er schon wieder weiter.

Er war so nah, dass sein Geruch seine Schritte beinahe überholte.

Ich geriet völlig aus dem Takt.

Meine Arme gaben nach. Mit dem Gesicht voran landete ich im Sand und stieß ein ersticktes Stöhnen aus. Ich wusste selbst nicht, ob es vom Schmerz kam oder von diesem verdammten Verlangen, das ausgerechnet dieser Idiot Jackson in mir auslöste.

Oh Gott …

Dass meine beiden Gefährten hier waren, während ich mich in diesem erbärmlichen Zustand befand, war schlimmer, als ich es mir je vorgestellt hatte.

Ich spuckte den Sand aus meinem Mund und kroch mühsam aus der Grube. Auf wackligen Beinen kam ich wieder hoch.

Der Lieutenant hob eine Augenbraue.

„Du bist Letzte, Clark.“

Fassungslos riss ich den Kopf hoch.

„Wie kann ich Letzte sein?!“

Ich keuchte und deutete auf Jackson.

„McClintock war kaum vor mir!“

Ein spöttisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Weil er zweimal durch den Parcours gelaufen ist. Du erst einmal.“

Ich stöhnte und legte den Kopf in den Nacken. Am liebsten wäre ich einfach zusammengebrochen.

Oder in eine heiße Dusche geflüchtet und hätte all das hier vergessen.

Doch Erholung stand offenbar nicht auf dem Plan.

Im nächsten Moment packte Raff meinen Arm und zog mich zum letzten Teil der Aufgabe.

Fünf Meilen Laufen.

Fünf.

Meilen.

Die Luft in meiner Brust verwandelte sich in Feuer. Ich keuchte schwer, doch Jesse und Raff ließen mir keine Wahl. Sie weigerten sich, mich als Letzte ins Ziel kommen zu lassen, und zwangen mich, Schritt für Schritt mit ihnen mitzuhalten.

Ich hatte immer geglaubt, eine gute Läuferin zu sein.

Ich war schnell gewesen. Immer.

Doch die Erschöpfung, der Schlafmangel und die bittere Erkenntnis, die sich langsam in mir festsetzte –

dass die beiden mich all die Jahre über geschont hatten –

zertrümmerten mein Selbstvertrauen.

Als sie mich schließlich zurück zur Kaserne schleppten, jeder von ihnen mit einem Arm unter meinen Achseln, war das keine Show.

Ich konnte kaum noch stehen.

„Ich hasse das“, murmelte ich und sah die beiden erschöpft an. „Ich hasse Jungssachen.“

Jesse schenkte mir dieses provozierende kleine Lächeln.

„Aber du wolltest doch unbedingt ein Junge sein.“

Raffs scharfer Blick zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich.

Ich runzelte die Stirn.

„Was? Ich habe es versucht!“

Er verzog das Gesicht.

„Nicht genug. Du hast viel zu oft aufgegeben. Wenn du Erfolg haben willst, Ari, musst du alles geben. Du musst—“

„Oh, hör auf.“

Ich entzog ihm meinen Arm und zwang mich trotz der Schmerzen in meinem ganzen Körper, allein weiterzugehen.

Ich hob leicht das Kinn und brachte meinen Atem mühsam unter Kontrolle.

„Ich schaffe das. Ich brauche einfach mehr Schlaf.“

Doch tief in mir wusste ich, dass Schlaf nicht das einzige Problem war.

Es war diese verdammte, hartnäckige Wölfin.

Sie hörte einfach nicht auf zu heulen, sobald einer meiner beiden Gefährten in der Nähe war.

„Schon besser“, sagte Raff scharf und wandte sich wieder nach vorn. „Beeilt euch. Wir wollen eine ordentliche Dusche. Wenn wir zu spät kommen, ist das warme Wasser weg.“

Jesse nickte begeistert. Gemeinsam beschleunigten wir unsere Schritte und stürmten auf die Kaserne zu, als wäre der Rückweg der nächste Wettkampf.

Kaum hatten wir unsere Betten erreicht, streiften wir uns hastig die Schuhe ab und eilten direkt zu den Duschen. Dabei überholten wir die meisten Anwärter, die vor uns angekommen waren.

Wir griffen nach unseren üblichen Sachen vom Regal.

Handtücher …

und nichts weiter als ein Stück Seife.

Was mir jedoch wirklich auffiel, war ihr Blick.

Jesse und Raff …

Beide starrten sehnsüchtig auf die Reihen der offenen Duschen, aus denen ungehindert heißes Wasser strömte. Die Versuchung war ihnen deutlich anzusehen. Einen Moment lang wirkten sie, als würden sie sich am liebsten einfach dazustellen.

Dann wandten sie sich mir zu.

Beide seufzten.

Ohne ein Wort zu wechseln, gaben sie ihren Wunsch auf und reihten sich in die kurze Schlange vor den geschlossenen Duschkabinen ein. Wieder stand ich zwischen ihnen.

Ich zog die Augenbrauen zusammen. Ein leises Unbehagen machte sich in mir breit.

Mir gefiel es nicht, dass sie auf ihren eigenen Komfort verzichteten – meinetwegen.

Ich warf einen kurzen Blick auf die lange Schlange vor den offenen Duschen, dann sah ich wieder nach vorn und klammerte mich an die kleine Hoffnung, dass noch etwas heißes Wasser übrig sein würde, wenn wir an der Reihe waren.

Und dass die Kabinen …

nicht wieder so dreckig waren wie gestern.

Doch im nächsten Moment weiteten sich meine Augen, und mein Unterkiefer klappte vor stummem Entsetzen nach unten.

Plötzlich begriff ich, was mir von Anfang an hätte auffallen müssen.

Wie hatte ich das übersehen?

Ich musste völlig in Gedanken vers

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