Share

Kapitel 4

Author: Glamor Pig
Das Essen stand auf dem Tisch.

Gebratenes Gemüse, gekochte Garnelen, Hühnersuppe und glasierte Rippchen.

Eine reichhaltige Mahlzeit.

Orion stand auf, nahm Rubys Schüssel und schöpfte ihr Suppe ein.

„Großmutter, hier ist eine Hühnerkeule. Deine Lieblingsspeise.“

Dann legte er Natalie glasierte Rippchen in die Schüssel.

„Iss nicht zu viel. Der Arzt hat gesagt, du solltest weniger Fleisch essen.“

Bei mir hielt er einen Moment inne.

Dann legte er mir schweigend etwas Gemüse auf den Teller.

Natalie lächelte.

„Magst du Gemüse, Yvette?“

„Ich habe doch schon gesagt, dass sie nicht wählerisch ist. Sie isst alles.“

Ich mochte kein Gemüse.

Ruby wollte nicht, dass Orion uns weiter bediente, also zog sie ihn zum Sitzen herunter und legte ihm ein Rippchen in die Schüssel.

„Hör auf, die ganze Zeit herumzustehen. Setz dich und iss mit uns.“

„Frau Young, er hat gerade erst gekocht. Wahrscheinlich verträgt er jetzt kein Fleisch. Er hat gesagt, es liegt ihm zu schwer im Magen.“

„Was soll er dann essen?“

„Das ist nur vorübergehend. Eine Schüssel Suppe reicht.“

Vor Orion wurde eine Schüssel klare Hühnersuppe gestellt.

Drei Jahre hatten genügt, damit er Natalie vollständig verstand.

Und Natalie verstand ihn genauso gut.

Ich fühlte mich wie eine Außenstehende.

Ich hatte nie gewusst, dass Orion kochen konnte.

Ich wusste auch nicht, dass er nach dem Kochen immer eine Schüssel klare Suppe trank.

Er saß direkt vor mir und fühlte sich trotzdem wie ein weit entfernter Fremder an.

Nach dem Essen ging ich in die Küche, um das Geschirr zu spülen.

Natalie half beim Abräumen und kam ebenfalls herein.

„Yvette.“

„Ja?“

„Ich habe die Bekanntmachung gesehen.“

„Und?“

„Ich möchte nur sagen, dass du Orion missverstanden hast. Wenn ich nicht krank wäre, hätte er nicht ...“

„Hätte er nicht was?“

„Wir sind nicht das, was du denkst.“

„Was glaubst du denn, was ich denke?“

„Wir sind nur Freunde.“

„Warum hast du es ihm dann als seine Freundin nicht erzählt?“

Natalie erstarrte kurz und wich meinem Blick aus.

„Ich ... ich bin krank. Ich brauche ihn.“

„Ich habe deinen Vlog gesehen. Sag mir eines: Wenn du an meiner Stelle wärst, was würdest du denken? Freunde? Liebende? Oder ein verheiratetes Paar?“

„Wir sind nicht so schmutzig, wie du denkst. Er hat dir niemals etwas angetan. Kein einziges Mal.“

„Das zählt also nicht als Verrat?“

„Wir sind nur Freunde.“

Sie drehte sich zum Gehen, blieb dann jedoch stehen.

„Orion hat mich gebeten, dir Erde mitzubringen. Ich habe welche dabei. Ob du sie benutzt oder nicht, ist deine Sache.“

Kurz darauf drang Gelächter aus dem Wohnzimmer herein.

Ich trocknete mir die Hände ab und ging auf den Balkon.

Die kleinen Blumensetzlinge lagen noch immer auf dem Boden.

Direkt daneben stand ein kleiner Sack Erde.

Sowohl die Setzlinge als auch die Erde kamen von Natalie.

Nur der Blumentopf gehörte mir.

Orion war erst seit zwei Tagen zurück.

Und trotzdem trug dieses Zuhause bereits überall Spuren von Natalie.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer und setzte mich in eine Ecke.

Das Lachen verstummte langsam.

Orion stand auf und nahm Natalies Tasche.

„Komm. Ich bringe dich zurück.“

Dann wandte er sich an mich.

„Ich lasse meine Großmutter bei dir.“

„Warum bringst du Natalie zurück und nicht mich?“

„Du magst sie doch nicht, oder?“

Also wusste er alles.

Ich lächelte nur und sagte nichts.

Die Fahrt verlief schweigend.

Ruby sagte die ganze Zeit kein Wort.

Kurz bevor wir das Pflegeheim erreichten, sprach sie plötzlich.

„Damals ist Natalie gegangen, weil sie Orion nicht im Weg stehen wollte. Sonst hättest du nie eine Chance gehabt.“

Meine Hände spannten sich am Lenkrad an.

„Ich weiß.“

„Jetzt, wo Orion zurück ist, solltet ihr beide euer Leben ordentlich führen.“

Ich antwortete nicht.

Wir kamen am Pflegeheim an.

Eine Krankenschwester half Ruby zurück in ihr Zimmer.

Ich ging zum Stationsstützpunkt.

„Kann ich Ihnen helfen, Frau Johnson?“

„Ich möchte den Notfallkontakt von Frau Young ändern.“

„Natürlich. Auf wen soll er geändert werden?“

„Orion Young. Er ist ihr Enkel.“

Die Krankenschwester legte den Stift ab.

„Gut. Ist erledigt.“

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Ich schenkte ihm seine Freiheit   Kapitel 11

    Spät in einer Nacht klingelte mein Handy.Es war Orion.„Schatz, wer ist es?“„Orion.“Zach hielt einen Moment inne.„Geh ran. Vielleicht ist es dringend.“Ich nahm den Anruf an.„Yvette.“„Was ist los? Warum rufst du an?“„Yvette, ich bin so müde.“Seine Stimme war heiser, als hätte er lange nicht gesprochen.Zach öffnete Natalies neuestes Video.Darin hatte Natalie erneut einen Zusammenbruch.Sie hielt sich ein Messer an den Hals und zwang Orion, das zu tun, was sie wollte.Ich erkannte das Innere ihres Hauses in South City.Alles war vollkommen verwüstet.Offensichtlich hatte es einen heftigen Kampf gegeben.„Yvette, ich bereue es.“„Es ist spät. Geh schlafen.“„Yvette, ich habe dich vor drei Jahren nicht verlassen, weil ich Natalie geliebt habe. Ich konnte es nur nicht akzeptieren. Ich wollte, dass sie sieht, wie gut ich bin. Aber ich habe mich geirrt. Ich hätte nie gedacht, dass ich dich dadurch verlieren würde.“„Das liegt alles hinter uns. Natalie braucht dic

  • Ich schenkte ihm seine Freiheit   Kapitel 10

    Nachdem Orion mein Haus verlassen hatte, fuhr er nicht nach Hause.Er ging nach South City, wo Natalie noch immer lebte.Später begann Natalies Vlog, der drei Jahre lang still gewesen war, plötzlich wieder mit neuen Beiträgen.Orion kam danach nie wieder zurück.Sechs Monate später arrangierte meine Mutter ein Blind Date für mich.Wir trafen uns in einem Café.Als ich ankam, saß der Mann bereits dort.„Hallo, ich bin Zach Watson.“„Ich bin ...“„Yvette. Yvette Johnson.“„Hat meine Mutter Ihnen meinen Namen verraten?“Er schüttelte den Kopf.„Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Ihre Mutter hat nichts gesagt. Ich habe Sie erkannt, als ich Sie sah.“„Wegen ... der Videos?“„Ja. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht zu einem Blind Date. Aber als ich gesehen habe, dass Sie es sind, war ich froh, gekommen zu sein.“„Danke.“„Orion hat es schon vor langer Zeit bereut, Sie verloren zu haben.“„Hm?“„Haben Sie das nicht gesehen?“Verwirrt sah ich ihn an.„Was habe ich verp

  • Ich schenkte ihm seine Freiheit   Kapitel 9

    Drei Jahre später endeten meine Reisen schließlich.Ich kehrte in mein eigenes Zuhause zurück.Noch am selben Abend erschien Orion unten vor meiner Wohnanlage.Vom Fenster aus blickte ich zu ihm hinunter.Er hatte viel Gewicht verloren.Sein Bart war ungepflegt.Seine Kleidung schien seit drei Jahren dieselbe zu sein.Sogar sein Haar war grau geworden.Meine Mutter trat neben mich und seufzte.„Du warst all die Jahre nicht da. Er ist oft zu mir gekommen.Manchmal hat er zugehört, wenn ich ihm Geschichten aus deiner Kindheit erzählt habe. Manchmal saß er einfach schweigend da und betrachtete deine Fotos.Meistens blieb er in deinem Zimmer. Er hielt eure Heiratsurkunde in den Händen und wirkte vollkommen teilnahmslos.“Meine Mutter deutete auf die zusätzlichen Dinge im Haus. Ihr Gesichtsausdruck wurde kompliziert.„Vor zwei Jahren habe ich einmal erwähnt, dass mein Rücken weh tut. Daraufhin hat er diesen Massagesessel gekauft.Als ich zu einer Untersuchung musste, sagte der

  • Ich schenkte ihm seine Freiheit   Kapitel 8

    Einen Monat später rief Ruby mich an.Ich zögerte kurz, nahm dann aber trotzdem ab.„Frau Young, was ist los?“„Yvette, ich bin’s.“Es war Natalie.„Was willst du?“„Yvette, Orion hat das alles nur getan, um mich zu retten. Du kannst ihn nicht so behandeln.“„Ich habe mich von ihm scheiden lassen, damit er sich ohne jede Belastung um dich kümmern kann. Ist das nicht genau das, was du wolltest?“„Das ist nicht dasselbe.“„Was ist daran anders?“„Er muss sich noch um seine Großmutter kümmern.“„Und wo ist das Problem?“„Aber das war doch früher deine Aufgabe.“Ich lachte.„Sie ist seine Großmutter. Nicht meine.“„So sollte es nicht sein. Alles ist falsch. Hast du ihm etwas gesagt? Er will mich künftig nicht mehr zu meinen Kontrolluntersuchungen begleiten. Er sagt, er hätte bereits genug für mich getan.“Also darum ging es wirklich.Sie wollte mich zur Rede stellen.Doch schon früher hatte sie dazu kein Recht gehabt.Jetzt erst recht nicht.„Wenn du nur deswegen anrufs

  • Ich schenkte ihm seine Freiheit   Kapitel 7

    Meine erste Station war Highvale.Man sagte, Mai und Juni seien die schönste Reisezeit für Highvale.Ich sah die Silvercrest Mountains und den Lake Evermere. Ich bestieg den Mount Frostpeak und beobachtete, wie die Sonne über dem goldenen Gipfel aufging.Am Ende blieb ich am Lake Evermere.In der dritten Nacht im Gästehaus saßen wir alle am Lagerfeuer und unterhielten uns.Als ich eine Wahrheitskarte zog, brach der ganze Raum in Gelächter aus.Der Besitzer hob eine Hand und brachte alle zur Ruhe.„Ist Orion dein Ehemann?“Ich hielt einen Moment inne.„Er ist mein Exmann.“Der Raum wurde still.„Kennt ihr ihn alle?“Eines der Mädchen meldete sich.„Wir haben seinen Entschuldigungsvlog gesehen.Er hat erzählt, dass du allein unterwegs bist, und alle gebeten, die dich treffen, ein bisschen auf dich aufzupassen.Außerdem sollen wir dir ausrichten, dass er zu Hause auf dich wartet.“Ich nahm einen Schluck Wein.„Und was jetzt? Wollt ihr mich überreden?“Das Mädchen schütte

  • Ich schenkte ihm seine Freiheit   Kapitel 6

    Es war Orion.„Yvette, willst du wirklich gehen?“Das waren seine ersten Worte, als er vor meinem Wagen stand.Seine zweite Frage lautete:„Warum?“Sein Haar war schweißnass und klebte an seiner Stirn. Seine Augen waren vor Panik gerötet.Ich stieg aus.„Wenn ich nicht rechtzeitig gebremst hätte, wärst du tot.“„Warum?“„Was machst du hier?“„Deine Mutter hat mir gesagt, dass du gehst.“„Wenn du das weißt, dann geh zur Seite.“„Yvette, warum? Uns ging es doch gut.“Ich lachte.„Warum bist du dann vor drei Jahren gegangen?“„Meine Mutter war krank ...“„Der 28. Mai 2021 ist der Todestag deiner Mutter. Muss ich wirklich noch weiterfragen?“„Du weißt also alles?“„Ja.“Seine Stimme wurde heiser.„Ich war nur mit ihr befreundet. Jetzt bin ich zurück. Ich werde nie wieder gehen.“Er war zurück.Also sollte ich die vergangenen drei Jahre einfach auslöschen?Er hatte mich nicht betrogen, also war ich wohl nur überempfindlich.Er war endlich zurückgekommen, also sollte

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status