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Kapitel 1
Verzweifelte Flucht Rileys Perspektive„Was hast du gesagt?“ fragte mein Stiefvater.
Dereks Stimme klang undeutlich. Er trank seit Stunden, und die leeren Bierdosen erklärten, warum er nach Alkohol stank.
„Ruf einen Krankenwagen.“ Meine Stimme kam flach heraus. „Sofort.“
Ich kniete neben Ryan, während Glassplitter sich in meine Haut bohrten. Sein linkes Bein war in einem unmöglichen Winkel verdreht, als Derek ihn hart gegen den Glastisch gestoßen hatte. Blut sickerte bereits durch seine Jeans.
Derek bewegte sich zunächst nicht. Dann lachte er, kurz und hässlich. „Willst du den Cops erklären, warum dein Bruder betrunken war und gestürzt ist?“
Ryan hatte keinen einzigen Tropfen getrunken, und das wusste er.
Ryan und ich hatten gelernt, Derek in seinem betrunkenen Zustand vorsichtig aus dem Weg zu gehen. Und jetzt, da wir endlich einen Weg gefunden hatten, ihn für immer hinter uns zu lassen, wollte er auch das noch ruinieren.
Ryan stieß einen schmerzvollen Laut vom Boden aus.
„Bitte“, sagte ich und sah zu Derek auf. „Hilf mir, ihn ins Auto zu bringen.“
Wir brachten ihn selbst ins Krankenhaus. Ich saß hinten, Ryans Kopf auf meinem Schoß, und drückte meine Hände auf sein zerbrochenes Knie, während Derek betrunken fuhr und das Auto bei jeder leichten Kurve schwankte.
Zwei Tage. Das war alles, was wir noch aushalten mussten. Ryan hatte sich heimlich bei Northridge College um ein Hockey-Stipendium beworben und war angenommen worden. In zwei Tagen sollte er abreisen, und ich ihm folgen. Jetzt, als ich auf sein Knie starrte, wirkte das Stipendium wie ein grausamer Witz, der uns gespielt worden war.
Im Krankenhaus benutzten die Ärzte Worte wie „multiple Frakturen“ und „schwere Bänderschäden“, aber ich brauchte sie nicht, um zu wissen, dass sein Knie gebrochen war. Er würde auf diesem Bein nicht mehr skaten. Ganz sicher nicht in dieser Saison. Und vielleicht auch nicht in der nächsten.
Als Ryan endlich aus der Operation kam, war Derek bereits gegangen. Er hatte gesagt, er müsse am nächsten Morgen arbeiten. Er hatte keine Arbeit. Er lebte von dem Trust Fund, den unsere Mutter uns hinterlassen hatte. Trotzdem war ich dankbar, dass er nicht bei uns war.
„Das Stipendium…“, waren seine ersten Worte, „es war unser Weg raus.“
„Wir werden schon einen Weg finden“, sagte ich.
Ich beugte mich vor, bis meine Stirn gegen das kalte Metallgeländer des Bettes ruhte. Meine Gedanken rasten und wälzten jede verzweifelte, dumme Idee um, die mir einfiel.
Die Leute hatten uns schon immer miteinander verwechselt. Bis ich mir die Haare wachsen ließ und er anfing, schwerer zu trainieren. Ich konnte es schaffen.
Ich konnte Ryan sein. Ich spielte selbst Hockey, also würde es nicht so schwer sein.
Ich hob den Kopf.
Ryan beobachtete mich aufmerksam. „Nein“, flüsterte er. „Was auch immer du denkst – tu es nicht.“
Ich antwortete nicht.
Bei Tagesanbruch hatte ich bereits angefangen.
Ich organisierte eine stille Verlegung, um ihn in ein anderes Krankenhaus in der Nähe von Northridge zu bringen, unter einem Namen, den Derek nicht erkennen würde. Ryan war noch zu tief in Schmerzen und Medikamenten, um sich zu wehren, als ich ihm den Plan erklärte. Er drückte nur einmal fest meine Hand und ließ mich schwören, vorsichtig zu sein.Dann ging ich nach Hause.
Derek lag bewusstlos auf der Couch, eine leere Bierdose nur Zentimeter von ihm entfernt auf dem Boden. Ich bewegte mich lautlos. Mit zitternden Händen schnitt ich mir im Bad die Haare kurz, band meine Brust flach, packte Ryans Reisetasche – seine Kleidung obenauf, meine darunter versteckt. Ich nahm sein Portemonnaie, seinen Ausweis, die Stipendienpapiere und das Busticket, das er bereits gekauft hatte.
Der Busbahnhof war halb leer, als ich ankam. Ich stieg unter Ryans Namen in den Bus, setzte mich ans Fenster und schickte Ryan schnell eine Nachricht, dass es mir „gut gehe und ich bald abfahren würde“.
Die Fahrt dauerte den größten Teil des Tages und die ganze Nacht. Jeder Halt machte mich unruhiger als der vorherige. Jedes Mal, wenn ich einschlief, träumte ich, dass Derek hinter uns in seinem Pickup fuhr und mich erwischte und den ganzen Weg zurück nach Hause schleifte.
Ich beschäftigte mich damit, unter meinem Atem Ryans Stimme zu imitieren, und setzte vorsichtig grüne Kontaktlinsen in der Farbe von Ryans Augen auf meine haselnussbraunen.
Als der Morgen kam und der Bus endlich in der Stadt ankam, hatte ich meine Hände einigermaßen ruhig bekommen.
Der Campus von Northridge war riesig. Hohe Gebäude, umgeben von Grün, standen an jeder Ecke. Ich fragte Studenten nach dem Weg und folgte den Schildern, bis ich zum Verwaltungsgebäude kam.
Am Empfang hämmerte mein Herz gegen meine Brust, aber meine Stimme blieb ruhig.
„Name bitte“, fragte die lächelnde Frau hinter dem Schreibtisch.
„Ryan Kane“, antwortete ich mit so viel Mut, wie ich aufbringen konnte.
Sie lächelte und reichte mir den Schlüssel zu meinem Wohnheimzimmer, einen Campusplan, meinen Stundenplan und den Hockey-Trainingsplan.
Gut. Ich hatte den ersten Schritt geschafft.
Ich fand das Wohnheim, schloss die Tür auf und legte die Reisetasche auf das leere Bett. Mein kurzes Haar fühlte sich immer noch fremd an meinem Nacken an, und die Bandage grub sich in meine Rippen. Aber ich war hier.
Gerade als ich mich einrichtete, vibrierte mein Handy mit einer Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Der Text war kurz und giftig.
Du denkst, du kannst einfach abhauen, du verdammte Schlampe? Ich werde dich bald finden. Und wenn ich das tue, wirst du dir wünschen, du wärst das kleine Mädchen geblieben und hättest nie versucht zu fliehen.Ich starrte auf den Bildschirm, bis die Worte verschwammen.
Derek.
Ich schaltete das Handy aus, nahm die SIM-Karte heraus und brach sie entzwei.
Es gab kein Zurück mehr.
Kapitel 8 – Hinter der Theke(Rileys Perspektive)„Du bist spät.“Coles Stimme war flach, fast gelangweilt, aber seine Augen waren alles andere als das.Ich stand da, atmete immer noch schwer, die Schürze nur halb gebunden, das kurze Haar vom Laufen zerzaust, die Wangen warm, das Herz immer noch rasend vom Sprint über den Campus.Ich runzelte die Stirn. „Was machst du hier?“Bevor er antworten konnte, öffnete sich die Schwingtür zum Hinterraum und Madeline trat heraus, wischte sich die Hände an einem Handtuch ab. Sie warf einen Blick auf die Spannung zwischen uns und rollte mit den Augen.„Sei nicht so streng mit ihr, du Trottel. Es ist ihr erster Tag.“Sie kam herüber und drückte mir kurz und beruhigend die Schulter. „Tut mir leid, Riles. Meine Mom hat angerufen. Sie bringen sie zu Untersuchungen und ich muss los. Ich wollte dich nicht allein auf der Frühschicht lassen, also hab ich Cole gebeten, für mich einzuspringen.“Sie drehte sich zu ihm. „Sei nett.“Coles Ausdruck veränderte s
Kapitel 7- Doppelleben(Rileys Perspektive)Der Wecker klingelte laut um 5:12 Uhr morgens.Ich schlug ihn stumm und setzte mich schnell auf. Meine Rippen schmerzten schon im Voraus wegen unseres intensiven Trainings.Die Bandage lag auf dem Stuhl, wo ich sie am Abend zuvor abgelegt hatte – schwarz und unnachgiebig. Gegenüber zog Tyler gerade einen Hoodie über den Kopf, die Haare standen in alle Richtungen ab.„Wir sind spät dran“, sagte er, ohne mich anzusehen.Es war immer noch seltsam, aber auch tröstlich, zu wissen, dass er jetzt meine echte Identität kannte.„Ich weiß“, antwortete ich mit verschlafenen Augen.Ich begann mich zu wickeln. Die Kompression biss sich in meine Haut, so wie immer – fest genug, um mir den Atem zu rauben, fest genug, damit das Geheimnis nicht wieder herausrutschte.Jeden Morgen legte sich dieselbe stille Panik in meine Brust: Nicht ausrutschen. Nicht falsch atmen. Niemanden etwas sehen lassen.Ich zog ein Trainingsshirt über die Bandage, stopfte dann die s
Kapitel 6 – Das Geheimnis(Rileys Perspektive)Ich senkte langsam meine Hand, nachdem ich sichergestellt hatte, dass er nicht schreien würde – aber vor allem, weil das Handtuch um meine Brust anfing zu rutschen.Tyler starrte mich ausdruckslos an. Ich hoffte, er würde das nicht tun und wenigstens etwas sagen.„Wirst du nicht—“„What the fuck, Ryan.“ Er unterbrach mich.„Falls Ryan wirklich dein Name ist.“ Seine Augen verengten sich.Die Worte hingen in dem kleinen Raum zwischen uns. Wasser tropfte immer noch vom Duschkopf. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich sicher war, er konnte es hören.„Es ist nicht“, flüsterte ich. „Und wir können hier nicht reden.“Als wollte es den Punkt beweisen, erklangen irgendwo im Flur Schritte – entfernt, aber näher kommend.Tylers Kopf schnellte zur Badezimmertür. Sein Ausdruck wechselte von Schock zu etwas, das ich nicht deuten konnte.„Ich erzähl dir alles, versprochen. Bitte, lass uns einfach zurück ins Zimmer gehen“, bat ich.„Zieh dich an“, sagte
Kapitel 5 – Entdeckt(Rileys Perspektive)Die Busfahrt zurück vom Krankenhaus fühlte sich länger an als sonst. Ryans Worte kreisten immer wieder in meinem Kopf – Er jagt uns.Jeder Schatten draußen vor dem Fenster sah aus, als könnte er Derek sein. Als ich endlich das Wohnheim erreicht und die Treppen zu unserer Etage hinaufgestiegen war, schmerzten meine Schultern davon, dass ich mich zu sehr verspannt hatte. Die Bandage unter meinem Shirt machte es schwer zu atmen.Ich stieß die Zimmertür auf und erstarrte.Tyler lag auf seinem Bett, verschlungen mit einem Typen, den ich nicht kannte. Sie küssten sich, als ob der Rest der Welt nicht existierte. Eine von Tylers Händen war unter dem Shirt des anderen, und die Hand des anderen war in Tylers Hose. Keiner von beiden bemerkte mich zuerst.Ich räusperte mich.Tyler zuckte so heftig zurück, dass er beinahe von der Matratze fiel. Der andere Typ richtete sich hastig auf, die Wangen gerötet.„Shit—Ryan. Ich dachte nicht, dass du schon zurück b
Kapitel 4 – Zwilling(Rileys Perspektive)„Ryan?“Cole Harrington starrte mich direkt an.Die Espressomaschine zischte hinter der Theke. Ein Kunde lachte an einem Tisch in der Ecke. Nichts davon registrierte ich. Alles, was ich sah, war der Captain der Northridge Wolves, der mitten im Café stand und mich anstarrte.Ich war so vorsichtig gewesen.Ich hatte mich nur auf Jobs außerhalb des Campus beworben, weit weg von den Augen irgendwelcher Teamkameraden, die herumschleichen könnten.Schließlich hatte ich ein ruhiges Café außerhalb des Campus gefunden, das perfekt zu meinem Zeitplan passte.Ich trug eine einfache schwarze Perücke über meinem kurzen Haar, ließ die grünen Kontaktlinsen weg und benutzte meine echte Stimme. Hier war ich einfach nur Riley – ohne Bandage.Aber trotz all meiner Maßnahmen stand Cole Harrington direkt vor mir.„Ryan?“ rief er noch einmal und kniff die Augen in meine Richtung zusammen.Mein Puls hämmerte gegen meine Rippen. Was sollte ich tun? So tun, als würde
Kapitel 3 – Etwas stimmt nicht(Coles Perspektive)„Ahhh… fuck“, stöhnte sie.Das Mädchen unter mir gab einen leisen Laut von sich, als sie den Rücken durchbog, aber ich registrierte es kaum.Meine Gedanken waren immer noch auf dem Eis.Wir hatten Westbridge zum ersten Mal seit vier Jahren geschlagen. Ein Freundschaftsspiel, nichts Offizielles, aber das spielte keine Rolle.Die Umkleidekabine danach war pure Feier – Geschrei, jemand kippte einen Kühler voll Wasser über die Freshman-Reihe, und Coach lächelte sogar einmal.Westbridge hatte uns beherrscht, seit ich selbst Freshman gewesen war. Heute Abend war diese Serie zu Ende, und die Hälfte des Grundes war der neue Typ, der trotz seiner Statur irre Skills auf dem Eis hatte.Ryan Kane.Ich rollte von dem Mädchen herunter – sie war jemand von der Business School, deren Namen ich nicht einmal erfragt hatte – und setzte mich auf die Bettkante.Die Musik von der Party dröhnte immer noch durch die Dielen im Erdgeschoss. Bass, Gelächter, ab







