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Lacys Perspektive
Die Tür zu meinem Zimmer flog auf. Ich hielt mein Handtuch fest um meinen Körper gewickelt, als meine Zwillingsschwester Macy mit diesem leichten, wissenden Grinsen von ihr hereinkam.
„Was zur Hölle, Macy? Hast du noch nie von Anklopfen gehört?" zischte ich. Ich stieß die Tür mit meiner Ferse zu und zog mich in meinen begehbaren Kleiderschrank zurück, um meinen Lieblings-Star-Wars-Schlafanzug anzuziehen. Durch die offene Tür konnte ich sie noch immer dort stehen sehen, an meine Kommode gelehnt in ihrem rosafarbenen Crop-Top und schwarzen weiten Jeans, die Arme vor der Brust verschränkt, als gehörte ihr der ganze Laden.
Als ich herauskam, betrachtete sie ein gerahmtes Foto in meinem Regal — ein Kindheitsfoto von uns beiden, aus der Zeit, als unsere Leben noch nicht so verschieden waren. Mein Spiegelbild fiel mir in dem Kommoden-Spiegel auf, als ich das Zimmer durchquerte — blasser als Macy, immer blasser, mit den schwachen Schatten unter meinen Augen, die niemals ganz verschwanden, und den dünnen Handgelenken, die mich als jemanden verrieten, der mehr Zeit in Krankenhausbetten als in der Sonne verbracht hatte. Regen klopfte leise gegen das Fenster. Mein Zimmer roch nach Lavendel und dem leichten metallischen Geruch des Händedesinfektionsmittels, das ich auf meinem Nachttisch aufbewahrte und viel zu oft benutzte.
„Was willst du, Macy? Ich kenne dich, und ich weiß, dass du nicht einfach so auftauchst, es sei denn, du brauchst etwas." Ich setzte mich auf die Bettkante, die weiche Bettdecke gab unter meinem Gewicht nach.
„Nun, da du fragst…" Sie drehte sich endlich um, ihr Grinsen wurde breiter. „Ich brauche einen Gefallen von dir." Sie schlenderte herüber und setzte sich neben mich, viel zu nah.
„Nein. Werde ich nicht." Ich hielt meine Stimme neutral und wandte den Kopf ab. „Du kannst jetzt gehen."
„Okay." Sie betonte das „O" übertrieben. „Ich würde wirklich gerne den Gesichtsausdruck von Mama und Papa sehen, wenn sie herausfinden, dass ihre geliebte Tochter auf einer Party war, Alkohol getrunken und all die Dinge getan hat, die sie ihr ausdrücklich verboten haben." Sie stand auf und glättete ihr Oberteil mit bewusster Langsamkeit.
„Warte. Was zum Teufel redest du da?" Mein Kopf fuhr zu ihr herum, ein eisiger Schrecken kroch in meinen Magen.
„Oh, du weißt schon", sagte sie und tippte gedankenverloren auf ihrem Handy herum. „Du warst letzten Monat in dieser Absteige-Bar in der Innenstadt. Die Tequila-Shots? Klingelt da was?"
„Ich war wirklich beeindruckt, ehrlich gesagt. Ich wusste nicht, dass du das in dir hast. Ich musste das Video zweimal ansehen, um sicher zu sein, dass du es bist." Ein leises, spottendes Kichern entwich ihren Lippen.
Die Luft verließ meine Lungen. Schon seit ich klein war, haben meine Eltern mir nie erlaubt, an die Orte zu gehen, zu denen Macy gehen durfte. Ich habe so viele normale, dumme, wunderbare Kindheitsdinge verpasst, weil ich mit fünf Jahren mit akuter lymphoblastischer Leukämie diagnostiziert worden war. Meine Kindheit war ein Durcheinander aus Krankenzimmern, sterilen Gerüchen und schmerzhaften Untersuchungen. Es gab eine Zeit, um mein vierzehntes Lebensjahr herum, in der mich die schiere Erschöpfung des Kämpfens einfach aufhören lassen wollte. Als meine Eltern herausfanden, wie nah ich daran gewesen war, meinem Leben ein Ende zu setzen, verloren sie die Kontrolle. Da kam Herr Rogers, mein Therapeut, ins Bild. Er lehrte mich, durch die Panik hindurch zu atmen, eine Zukunft zu wollen, und so vieles mehr.
Ein Hauch eines Lächelns berührte meine Lippen beim Gedanken an ihn — ein kleiner Anker im Sturm, den Macy gerade aufwühlte.
Meine Eltern hatten eine unumstößliche Regel: Lacy darf das Haus niemals verlassen, außer unter strenger Aufsicht, die von ihnen genehmigt worden sein muss.
Wenn sie jemals herausfinden würden, dass ich diese Regel gebrochen hatte — dass ich nicht nur nach draußen gegangen war, sondern auch noch getrunken hatte — würden sie nicht zögern. Sie würden mich in einer medizinischen Einrichtung einsperren.
Sie hatten mich zuvor gewarnt. Ruhig. Kalt. Wenn ich jemals etwas gegen ihre Regeln täte, würde ich „schlafen gelegt", bis ich Gehorsam gelernt hätte. So hatten sie es ausgedrückt. Als wäre es eine harmlose Lektion. Als wäre es normale Erziehung, meinen Körper tagelang abzuschalten.
Ich erinnere mich an das erste Mal, als sie diese Drohung wahrgemacht hatten.
Ich war nur für einen kurzen Spaziergang durch die Nachbarschaft nach draußen gegangen. Die Luft fühlte sich an jenem Tag anders an — leichter und ruhiger. Ich wollte nur etwas atmen, das sich nicht kontrolliert anfühlte. Ich blieb stehen, um mit einem gleichaltrigen Jungen zu reden, der in seiner Einfahrt trainierte. Es war nichts. Nur ein normales Gespräch. Etwas, das gewöhnliche Menschen jeden Tag ohne Angst taten.
Dann fuhr Mutters Auto vorbei.
Für einen Moment dachte ich, sie hätte mich nicht gesehen. Doch das Auto verlangsamte sich. Dann fuhr es zurück.
Mein Herz sank.
Sie schrie nicht. Sie machte keine Szene. Sie befahl mir einfach, ins Auto zu steigen, ihr Griff fest um meinen Arm, als wäre ich eine Verbrecherin, die festgenommen wurde.
Als wir nach Hause kamen, saßen mein Vater und unser Arzt bereits im Wohnzimmer und warteten. Als hätten sie es geprobt und warteten darauf, dass ich in Verzug geriet.
„Lacy, wir haben dich gewarnt, dieses Haus zu verlassen", sagte mein Vater, seine Stimme fest, seine Augen hart. „Du darfst niemals ohne Genehmigung gehen. Da du dich dafür entschieden hast, stur zu sein, kennst du die Konsequenz."
Die Konsequenz.
Der Arzt öffnete ruhig seine Tasche. Das Schnappen seiner Handschuhe hallte im Zimmer wider. Dann zog er eine Spritze heraus — größer als nötig. Meine Brust zog sich zusammen. Meine Ohren rauschten.
Ich rannte, aber ich kam nicht weit.
Bevor ich die Tür erreichen konnte, packte mich mein Vater und drückte mich auf den Boden. Ich wehrte mich, aber er war stärker.
„Bitte, Papa… bitte, Mama", schluchzte ich. „Ich werde es nicht wieder tun. Ich verspreche es. Ich werde jede Regel befolgen. Ich werde brav sein. Bitte."
Tränen verschwammen meinen Blick. Meine Stimme zitterte. In diesem Moment meinte ich jedes Wort. Ich hätte ihnen alles versprochen, nur um das Kommende aufzuhalten.
Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist der scharfe Stich in meinem Oberschenkel. Das kalte Brennen breitete sich durch meinen Körper aus. Die Decke drehte sich über mir. Dann nichts.
Als ich aufwachte, waren drei Tage vergangen.
Drei Tage meines Lebens waren weg — nur weil ich spazieren gegangen war.
Als ich die Augen öffnete, standen meine Eltern neben meinem Bett, nicht entschuldigend, nicht besorgt. Sie standen mit strengen Gesichtern da. Eine weitere Erinnerung daran, was passieren würde, wenn ich wieder ungehorsam wäre.
Also wenn sie mich schon für drei Tage ins Koma versetzen konnten, nur weil ich nach draußen gegangen war…
Ich wusste genau, was sie tun würden, wenn sie die Wahrheit herausfänden.
„Was willst du eigentlich?" fragte ich schließlich, der Kampfgeist aus meiner Stimme gewichen, ersetzt durch eine schwere Resignation.
„Also", begann sie, ihr Ton wechselte zu gespielter Süße. „Du weißt, dass Mama und Papa jetzt nicht von ihrer Geschäftsreise zurück sein werden, und sie werden zu den Malediven reisen, um ihren Hochzeitstag zu feiern… Marcus und ich wollen unsere eigene kleine Reise machen. Irgendwohin Schönes, um unseren einjährigen Jahrestag zu feiern." Ein echtes Erröten kroch ihren Hals hinauf, während sie lächelte.
„Warte mal kurz. Marcus? Wie in Herr Marcus? Mein Hauslehrer?" Meine Augen weiteten sich vor purem Ekel.
„Ja. Mein Marcus. Was geht dich das an?" Sie neigte den Kopf, ein trotziger, schelmischer Funken in ihren Augen.
Er war zweiundzwanzig. Meine Schwester war achtzehn. Legal, kaum, aber er hatte drei Jahre lang als mein Lehrer gegenüber von mir am Küchentisch gesessen, und die ganze Zeit…
Plötzlich fügte sich ein Dutzend rätselhafter Dinge mit einer erschreckenden Klarheit zusammen. Warum verweilte mein Hauslehrer oft so lange? Warum Macy während unserer Stunden plötzlich „vorbeischauen" würde, um nach mir zu sehen — dabei sabberte sie in Wirklichkeit nach meinem Lehrer. Die nicht ganz so stillen Stöhner, die ich nachts aus ihrem Zimmer gehört hatte.
Meine Zwillingsschwester schlief mit meinem Lehrer. Eine Welle der Übelkeit überkam mich.
„Ich hätte erwartet, dass du bessere Entscheidungen triffst, aber es ist okay." Ich zuckte mit den Schultern.
„Was willst du also, dass ich tue? Mit dir auf die Reise kommen?" Ich lachte kurz auf.
„Wage es nicht, so über ihn zu reden", schnappte sie, kam so nah, dass ich ihr Parfüm wahrnehmen konnte — etwas Minziges und Blumiges. Ihr heißer Atem streifte mein Gesicht. „Ich will, dass du meinen Platz an der Ashwood warm hältst, während ich weg bin. Du wolltest doch schon immer wissen, wie es da draußen ist, oder? Hier ist deine Chance. Ruin es nur nicht — ich brauche, dass meine Noten perfekt bleiben."
Sie lieferte die Zeile, während sie ihre Maniküre betrachtete, als würde sie mich bitten, ihr das Salz zu reichen.
Ein scharfes Lachen entfuhr mir. Ich wartete darauf, dass sie ein Lächeln zeigen würde, um den Witz zu enthüllen. Ihr Gesicht blieb eine stoische, polierte Maske.
„Das kann dein Ernst nicht sein."
„Ich meine es todernst. Mama und Papa werden es nicht einmal bemerken. Unsere Köchin, Frau Smith, kann uns beim besten Willen nicht auseinanderhalten. Ich kann kein Semester Schule verpassen, und du…" sie pausierte und legte eine herablassende Hand auf meine Schulter. „Du bist die perfekte Lösung. Antworte einfach auf ‚Macy', sitz ein paar Stunden durch. Wie schwer kann das für jemanden sein, der alle seine Heimschulmodule mit Auszeichnung bestanden hat?"
Sie lehnte sich vor, ihre Stimme sank zu einem überzeugenden Flüstern. „Mama und Papa würden dir diese Chance niemals geben. Aber ich tue es. Auf einem Silbertablett. Du könntest wirklich auf eine Party gehen, mit Gleichaltrigen reden und sehen, wie die Welt jenseits dieses vergoldeten Käfigs aussieht." Ihr Grinsen war voller scharfer Kanten und versprach Chaos.
Lacy's Perspektive Die Dusche half. Ein wenig. Sie berührte nicht die gedämpfte Angst, die seit der Nachsitze hinter meinem Brustbein gesessen hatte, und sie tat absolut nichts gegen das Bild von Axel Beckett, der mich in einem stillen Raum ansah, als würde er versuchen, eine Gleichung zu lösen. Aber das heiße Wasser arbeitete sich durch die Verspannungen in meinen Schultern, und als ich heraustrat, fühlte ich mich weniger so, als würde ich gleich aus meiner eigenen Haut vibrieren. Ich griff nach meiner Medizin auf dem Badregal. Schüttelte die Tabletten in meine Handfläche. Schluckte sie mit einem vollen Glas Wasser hinunter, wie mein Arzt immer darauf bestanden hatte, und wartete darauf, dass die leichte Übelkeit, die manchmal folgte, verging. Sie verging. Ich saß in Macys Bademantel an ihrer Schminktischkommode und starrte auf das karmesinrote Kleid, das an der Schranktur hing, als würde es zurückstarren — da summte mein Handy. Es war Macy. Ich hob ab. „Du gehst heut
Lacy's PerspektiveIch sah sie ein paar Sekunden lang an, dann berührte ich ihren Arm und sagte: „Hey. Warum reden wir nicht draußen?"Sie sah fassungslos aus und hatte Angst um ihr Leben. Ich nahm meine Tasche und ging aus der Cafeteria. Sie folgte mir.Als wir zu der Lichtung kamen, wo einige Schüler unter den Bäumen lasen, drehte ich mich um und sah sie an. „Du bist das Mädchen aus dem Englischunterricht, oder? Der Lehrer hat letzte Woche deine Noten angemerkt. Was ist los mit dir?"Ich war neugierig. Nicht nur wegen ihrer Noten — sondern wegen der Verbindung, die sie zu Macy hatte. Denn Mädchen wie Davina landeten nicht zufällig in Macys Umkreis. Sie wurden hineingezogen, für irgendetwas benutzt und dann dort zurückgelassen.Sie senkte den Kopf. „Ich... ich weiß, dass ich nicht so gut in der Schule bin, aber bitte entzieht mir das Stipendium nicht. Ich verspreche, alles zu tun, was ihr verlangt. Bitte." Sie machte Anstalten, wieder zu knien.„Welche?"Sie blinzelte. „Entschuldigun
Lacy's PerspektiveEr fiel von seinem Stuhl und blickte mit einem finsteren Gesichtsausdruck zu mir hoch. Dann packte er mein Bein und warf mich auf den Boden. Ein Schmerz schoss durch mich, als er aufstand, ein hinterhältiges Grinsen auf seinem Gesicht.Ich traf den Boden hart. Der Aufprall hallte durch meine Wirbelsäule und raubte mir den Atem, aber ich rollte mich bereits ab, bevor der Schmerz sich einprägte, brachte meine Beine unter mich und drückte mich wieder hoch. Er richtete sich langsam auf und rieb sich das Kinn, wo ich ihn getroffen hatte. Ein schwaches Grinsen zog an seinem Mundwinkel — nicht wirklich belustigt. Eher wie jemand, der gerade überrascht worden war und dabei war zu entscheiden, wie er sich dabei fühlte.Ich ließ ihm keine Zeit zum Entscheiden.Ich trat ihm hart in die Kniekehle. Sein Bein gab nach und er taumelte nach vorne — ich trat zur Seite und er krachte in meinen Tisch, der quietschend über den Boden schoss. Er fing sich an der Kante, bevor er ganz hinf
Lacy's PerspektiveIch ließ es einen Moment auf mich wirken. Wenn ich Nein sagte, zeigte Macy das Video. Meine Eltern kämen nach Hause und stießen auf den Beweis der Bar, des Trinkens, alles auf einmal. Was nach drei Tagen das erste Mal kam, wäre nichts im Vergleich zu dem, was danach käme. Wochen vielleicht. Monate. Mein Leben auf Pause gesetzt und mir zurückgegeben, wann immer sie entschieden, dass ich genug gelernt hatte.Und wenn ich Ja sagte?Es war keine schlechte Idee. Tatsächlich war es genau das, wonach ich mein ganzes Leben gesehnt hatte: ein Vorgeschmack auf normale, unbeaufsichtigte Freiheit. Eine Chance, außerhalb der vier Wände dieses Hauses zu existieren, das ich ein Gefängnis nannte.Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ich erwischt wurde?Wir waren schließlich identisch. Dasselbe Gesicht, dieselbe Figur. Der einzige auffällige Unterschied war das Haar. Sie hatte ihres Anfang des Jahres in ein auffälliges Himmelblau gefärbt. Mein eigenes braunes Haar fühlte sich w
Lacys Perspektive Die Tür zu meinem Zimmer flog auf. Ich hielt mein Handtuch fest um meinen Körper gewickelt, als meine Zwillingsschwester Macy mit diesem leichten, wissenden Grinsen von ihr hereinkam. „Was zur Hölle, Macy? Hast du noch nie von Anklopfen gehört?" zischte ich. Ich stieß die Tür mit meiner Ferse zu und zog mich in meinen begehbaren Kleiderschrank zurück, um meinen Lieblings-Star-Wars-Schlafanzug anzuziehen. Durch die offene Tür konnte ich sie noch immer dort stehen sehen, an meine Kommode gelehnt in ihrem rosafarbenen Crop-Top und schwarzen weiten Jeans, die Arme vor der Brust verschränkt, als gehörte ihr der ganze Laden. Als ich herauskam, betrachtete sie ein gerahmtes Foto in meinem Regal — ein Kindheitsfoto von uns beiden, aus der Zeit, als unsere Leben noch nicht so verschieden waren. Mein Spiegelbild fiel mir in dem Kommoden-Spiegel auf, als ich das Zimmer durchquerte — blasser als Macy, immer blasser, mit den schwachen Schatten unter meinen Augen, die niemals







