MasukIm Abschiedsraum des städtischen Bestattungshauses war außer Yuna und Adrian niemand mehr. Die Leere hatte etwas Unheimliches.Im grellen, weißen Deckenlicht glänzte der polierte Marmorboden kalt. Es roch schwach nach Desinfektionsmittel. In der bedrückenden Stille lief Yuna ein Schauer über den Rücken.Unwillkürlich rückte sie näher an Adrian. Er legte ihr den Arm um die Schultern und klopfte ihr beruhigend auf den Oberarm.„Ich nehme das Tuch weg“, sagte er leise.Auf der Bahre vor ihnen zeichnete sich unter einem weißen Tuch der Umriss eines Menschen ab.„Nein …“ Yuna holte tief Luft. „Ich mache es selbst.“Jeder Schritt zur Bahre fiel ihr schwer. Sie fürchtete sich vor der Wahrheit, doch sie musste ihr selbst ins Auge sehen. Das Klacken ihrer Absätze hallte deutlich durch den stillen Raum.Vor der Bahre blieb Yuna stehen und starrte auf das Tuch. Langsam streckte sie die Hand aus. Als ihre Finger den rauen Rand berührten, hielt sie kurz inne. Dann fasste sie sich ein Herz und riss
„Tut es weh?“Yuna zuckte leicht zusammen. Als sie Adrians vertrauten Duft wahrnahm, ließ die unerträgliche Anspannung ein wenig nach.Mit steifen Armen griff sie nach dem Stoff an seiner Taille. Sie klammerte sich an ihn wie an einen Rettungsring.„Schatz … Sie sagen … ich habe jemanden totgefahren …“ Sie sah ihn voller Angst und Verwirrung an. „Aber … ich kann mich nicht erinnern, jemanden angefahren zu haben … Wirklich nicht …“Yuna sprach immer hastiger. Verzweifelt suchte sie nach einer klaren Erinnerung, mit der sie ihre Unschuld beweisen konnte. Doch je mehr sie sich anstrengte, desto heftiger pochte es in ihren Schläfen.Sie fasste sich an den Kopf. Dabei streiften ihre Finger versehentlich die Wunde unter dem Verband. Der Schmerz ließ sie scharf einatmen, ihre Gedanken gerieten noch mehr durcheinander.„Die Ärzte und die Polizei … sie sagen, meine Erinnerungen sind vielleicht durcheinandergeraten. Durch den plötzlichen Schock, den Aufprall … Oder ich habe vorübergehend eine Ge
Am Rand der Menge entstand plötzlich Unruhe.„Der Schatten! Adrian ist da!“, rief jemand.Alle Köpfe wandten sich zum Eingang des Flurs.Adrian kam mit großen Schritten näher. Er trug einen tadellosen schwarzen Anzug. Sein Gesicht war hart und abweisend. Die Menschen wichen ihm unwillkürlich aus und bildeten eine schmale Gasse.Die Reporter stürzten sich auf ihn wie Haie, die Blut witterten.„Herr Wolfhardt, Ihre Frau, Yuna Sommer, soll einen Menschen totgefahren haben und sich nun der Verantwortung entziehen. Was sagen Sie dazu?“„Die Fahrerin bestreitet jede Schuld, während die Angehörigen völlig zusammenbrechen. Werden Sie sich im Namen Ihrer Frau entschuldigen und eine Entschädigung zahlen?“„Herr Wolfhardt, glauben Menschen mit Ihren Privilegien, dass sie über dem Gesetz stehen? Wie wollen Sie die Wut der Öffentlichkeit besänftigen?“Die schrillen Fragen prasselten auf Adrian ein und zwangen ihn stehen zu bleiben.Langsam hob er den Blick. Er ließ ihn über die Gesichter vor sich s
Yuna wusste, dass Adrian zu Hause auf sie wartete, um mit ihr zu Abend zu essen.Ein ungutes Gefühl beschlich Adrian. Er zog sein Handy hervor, tippte auf den Kontakt ganz oben in seiner Liste und rief sie an.Es klingelte einmal, zweimal, dreimal … Dann verstummte das Klingeln, und eine aufgezeichnete Frauenstimme meldete sich.„Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“Adrians Blick verdüsterte sich. Er wählte erneut.Wieder nahm niemand ab.Die Unruhe schlug in Angst um, die ihm die Brust zuschnürte. Yuna ignorierte seine Anrufe nicht, erst recht nicht, wenn sie wusste, dass er auf sie wartete.Etwas war passiert.Dieser Gedanke traf Adrian mit schrecklicher Klarheit. Er fuhr herum und eilte zur Garage. Zugleich drückte er auf sein Headset.„Findet sofort heraus, wo Yuna ist! Schnell!“, befahl er mit eisiger Stimme.„Jawohl, Herr Wolfhardt!“Kurz darauf schoss der schwarze Sportwagen mit aufheulendem Motor aus der Garage in d
Adrian neigte den Kopf leicht. Seine warmen Lippen streiften kaum merklich ihre Schläfe. „Wir dürfen nicht einmal einen Tag getrennt sein.“Yunas Herz machte einen heftigen Satz und begann wild zu schlagen. Ihr wurde heiß. Ein erregendes Kribbeln breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.Adrian beließ es nicht bei Worten. Er hatte ihr ganzes Team samt ihrer Arbeit nach Südstadt geholt. Hier konnte sie ihren Traum verwirklichen und trotzdem bei ihm bleiben. Eine bessere Lösung gab es nicht.„Schatz …“ Yuna stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. „Ich habe einen Fehler gemacht. Wohin ich auch gehe, in Zukunft nehme ich dich mit.“Adrian sah sie lächelnd an. Auch seine Augen strahlten. „Gut.“…„Adrian.“ Nathan betrat das Arbeitszimmer. Seine Stimme klang ungewöhnlich ernst. „Victor ist tot.“Das leise Rascheln der Unterlagen verstummte abrupt.Adrian blickte scharf auf. „Wie ist er gestorben?“Die Königin von Karsilien hatte Victor persönlich inhaftieren lassen. Er wurde verhör
„Du bist so gut zu mir … Wie kannst du nur so gut zu mir sein …“Adrian schloss die Arme noch fester um sie und strich mit dem Kinn über ihren Scheitel. Er lächelte zufrieden. „Hauptsache, es gefällt dir.“„Ich platze vor Neid!“, rief Smilla und schlug übertrieben die Hände vor das Gesicht. „Mit so einem tollen Mann ist man fein raus! Wir anderen müssen für die Arbeit ins Ausland und unsere Heimat zurücklassen!“Auch die übrigen Kollegen lachten und stimmten in die Neckereien ein.Yunas Ohren wurden heiß. Verlegen hob sie den Kopf von Adrians Brust.Mit leicht gehobener Braue sah Adrian Smilla und die anderen an. „Fünffacher Jahresbonus“, verkündete er gemächlich.Einen Moment herrschte Stille. Dann brach noch größerer Jubel aus.„Ein Hoch auf Herrn Wolfhardt! Ein Hoch auf Yuna!“„Ich liebe Südstadt! Und unseren neuen Standort!“„Von wegen fremdes Land! Von hier kriegt mich keiner mehr weg! Südstadt ist jetzt meine Heimat!“Adrian lächelte noch breiter und nahm Yunas Hand. „Sieh dir de
„Henrik, das Kind in ihrem Bauch – ist es deins?“Yuna war kreidebleich. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht.Vor sieben Monaten war Henriks älterer Bruder Erwin Wolfhardt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Aus Mitleid mit Chiara Jensen, der jungen Witwe, die zudem schwanger war, hatte Yuna s
Chiara starrte sie an. Selbst ihre gespielt verletzte Miene erstarrte mitten in der Bewegung. Die brennende Wange ließ sie für einen Moment alles vergessen.Wie konnte Yuna es wagen, wirklich zuzuschlagen?Henrik war einen Moment lang sprachlos. Dann brach seine Wut hervor.„Yuna, hast du den Versta
„Frau Wolfhardt, die Angelegenheit ist diesmal außerordentlich heikel! Ich fürchte, vor einem halben Monat kommt er nicht zurück.“Yuna verstummte einen Moment.Ein persönliches Gespräch fiel damit aus.Eine Nachricht im Chat war zwar nicht ganz so höflich – aber ihr blieb nichts anderes übrig.Yuna
„Yuna!“Henriks Gesicht verfinsterte sich. Er stürmte ihr nach.Kaum hatte Yuna das Privatzimmer verlassen, rief sie Viktor an. „Herr Moll, etwas ist dazwischengekommen, das Mittagessen fällt aus. Ich fahre direkt zur Besichtigung. Schicken Sie mir die Nummer der zuständigen Person durch.“„Frau Wol







