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Clara
Die Hitze dieser Marseiller Nacht ist kein bloßes Gefühl.
Sie ist eine lebendige Haut, die mich umschließt, in mich eindringt, sich zwischen meinen Schenkeln wie eine unsichtbare Präsenz ausbreitet. Die Luft ist schwer, feucht, gesättigt von Salz und Erwartung. Die Stadt scheint den Atem anzuhalten. Doch in mir beschleunigt sich alles.Ich trete aus der Dusche. Wasser tropft noch aus meinen Haaren, rinnt in warmen Linien zwischen meinen Brüsten hinab, über meinen Bauch, bis es sich auf meinen geöffneten Schenkeln verliert. Meine Haut brennt vor Empfänglichkeit. Selbst die Luft scheint mich zu berühren. Meine Brustwarzen richten sich bei jeder Bewegung auf. Mein Körper ist wach. Und er weiß es.
Einen Moment bleibe ich reglos stehen, die Hände auf dem Waschbeckenrand. Mein Spiegelbild beobachtet mich schweigend, als würde eine andere Frau aus dem Glas zurückblicken. Eine Frau, die weiß, was sie will. Eine Frau, die bereit ist, sich fallen zu lassen.
Ich schlüpfe in den dunkelblauen Kimono aus feiner Seide. Der Stoff gleitet über mich wie eine Zunge. Er verbirgt nichts – er umspielt, verrät, provoziert. Ich binde ihn nicht. Er ist nicht dafür gemacht, mich zu bedecken.
Vor dem Spiegel halte ich inne.
Meine Lippen sind gerötet, leicht geöffnet. Meine Wangen schimmern rosig. Unter dem feuchten Stoff zeichnen sich meine Brustwarzen ab. Und meine Augen … mein Blick gehört einer Frau, die bereit ist. Mehr als bereit. Hungrig.Julien ist da.
Hinter der Balkontür.Ich spüre ihn, ohne ihn zu sehen. In meinen Knochen. In meinem Bauch. In dem Raum zwischen meinen Schenkeln, der im Rhythmus meiner Gedanken pulsiert. Ich stelle ihn mir vor, an das Geländer gelehnt, mit einer halbvergessenen Zigarette zwischen den Lippen, das Hemd offen über seiner warmen Brust. Er schaut aufs Meer ohne es wirklich zu sehen. Er wartet auf mich.
Barfuß gehe ich auf die Tür zu. Jeder Schritt ist eine Provokation. Die warmen Fliesen unter meinen Füßen verankern mich in meinem Körper, in meinem Verlangen, in meiner Kraft. Ich spüre mein Herz in meinem Hals schlagen. Langsam. Schwer. Erwartungsvoll.
Als ich die Tür öffne, schlägt mir die Nachtluft entgegen. Warm, salzig, lebendig.
Er dreht sich nicht um.
»Willst du, dass ich hinter dir stehen bleibe?«
Meine Stimme klingt tiefer als sonst, rau und schwer.Langsam dreht er sich um.
Sein Blick gleitet über mich. Bleibt an meiner Brust hängen. Wandert zur Öffnung des Kimonos, folgt meiner nackten Haut bis er meine Augen erreicht. Er lächelt nicht. Seine Pupillen sind geweitet, sein Kiefer angespannt.
Er macht einen Schritt auf mich zu. Dann noch einen.
Die Stille zwischen uns wird dichter. Schwerer. Jeder Atemzug scheint hörbar.
Seine Hände legen sich an meine Hüften, fest, als müsse er prüfen, ob ich wirklich da bin. Er zieht mich an sich, sein warmer Oberkörper unter dem offenen Hemd. Mein Körper schmiegt sich wie von selbst an seinen, als hätten wir uns nie getrennt.
Sein Mund streift meinen Hals.
Ich zittere.»Du zitterst, als wäre es das erste Mal«, murmelt er.
»Jedes Mal, wenn du mich berührst, ist es ein erstes Mal.«
Er antwortet nicht. Seine Lippen wandern über mein Schlüsselbein, warm und besitzergreifend. Sein Atem hinterlässt eine Spur aus Hitze auf meiner Haut. Meine Finger gleiten über seine Brust, über die feine Feuchtigkeit seiner Haut, über die Spannung seiner Muskeln.
Ich öffne sein Hemd, Knopf für Knopf, als würde ich mir Zeit stehlen wollen. Als müsste ich jeden Moment verlängern.
Mit einer einzigen Bewegung lässt er meinen Kimono zu Boden fallen.
Ich bin nackt.
Vollständig.Die Nachtluft streicht über meinen Körper wie neugierige Finger. Ich halte seinem Blick stand. Ich will, dass er mich sieht. Ganz.
Er tritt einen Schritt zurück und betrachtet mich wie ein verbotenes Kunstwerk etwas, das man nicht berühren darf und doch unbedingt berühren will. Sein Atem wird langsamer. Tiefer.
Seine Finger gleiten über meine Taille, meinen Bauch, weiter nach unten. Zwischen meine Schenkel. Sie verweilen dort. Spüren. Entdecken. Bestätigen.
»Du hältst es nicht mehr aus, oder?«
Ich schließe die Augen für einen Augenblick.
»Ich werde dich anflehen, wenn du noch länger wartest.«Er wartet nicht.
Er hebt mich hoch, als wäre ich leicht, und presst mich gegen die warme Glasfront des Wohnzimmers. Das Glas speichert die Hitze des Tages, gibt sie an meinen Rücken zurück. Sein Mund erobert meinen in einem verzweifelten Kuss. Unsere Atemzüge verschmelzen, ungeduldig, unregelmäßig.
Seine Hände wandern über meinen Rücken, meine Hüften, meine Oberschenkel, als müsste er sich vergewissern, dass ich wirklich da bin. Dass ich nicht verschwinde.
Ich klammere mich an ihn, spüre sein Herz gegen meines schlagen.
Dann lässt er mich langsam zu Boden sinken. Unsere Körper bleiben eng verschlungen. Stirn an Stirn. Atem an Atem.
Die Stadt rauscht fern unter uns. Das Meer atmet im Dunkeln. Die Nacht um uns ist still, erfüllt von Hitze, Atem und dem Versprechen dessen, was noch kommen wird.
Und ich weiß:
Diese Nacht hat gerade erst begonnen.Maëva Fünf Jahre später. Fünf Jahre lebe ich nun in diesem vollkommenen Gleichgewicht, zerbrechlich und herrlich. Fünf Jahre, in denen mein Herz im Rhythmus zweier Männer schlägt. Heute Morgen, wie jeden Morgen, bereite ich in der sonnendurchfluteten Küche das Frühstück. Das Haus erwacht sanft. Irgendwo oben höre ich das Lachen von Louis, unserem Letzten, dem von Raphaël. Seine eiligen Schritte im Flur, dann die tiefere Stimme seines Vaters, der ihn einholt, um ihn anzuziehen. — „Papa“, guck mal! Ich bin ein Superheld! — Das sehe ich, mein Champion. Aber selbst Superhelden müssen ihre Schuhe anziehen. Éliaz' Stimme ist zärtlich, geduldig. Immer noch dieses gleiche Staunen in seinen Augen, wenn er unseren Sohn ansieht. Er weiß nicht, dass Liam einen Halbbruder und eine Halbschwester hat. Für ihn sind Louis und Anna einfach seine vergötterten Älteren. Als spürte er meinen Blick, hebt Éliaz die Augen zu mir. Sein Lächeln ist ein Strahl reiner Wärme, ohne Schatten. — Has
Maëva Die Tür des Schlafzimmers schließt sich hinter mir, und ich sacke gegen das Holz, meine Knie geben endlich unter der Last des Verrats nach. Ich drücke meinen Sohn so fest an mich, dass er wimmert, und ich lockere sofort meine Umarmung, beschämt. Ich suche in seinem kleinen, warmen Körper ein Gegengift gegen das Gift, das gerade durch unsere Adern geflossen ist, aber ich finde nur die Bitterkeit meines eigenen Herzens. Sein Weinen legt sich, ersetzt durch kleine, feuchte Schluchzer an meinem Hals. Jede Träne auf meiner Haut erinnert mich an meine eigene, jene, die ich nicht vergossen habe, erstickt von der Scham und der Feigheit, die nunmehr in mir wohnen. Durch die Tür hindurch nehme ich Éliaz' Schweigen wahr. Es ist keine leere Stille, sondern eine schwere, denkende, gefährliche Stille. Ich halte meinen eigenen Atem an, zum Zerreißen gespannt, in der Erwartung, dass er explodiert, dass er die Tür aufreißt, hinter der ich mich verstecke. Ich erwarte, dass ich ihn fliehen h
Maëva Das „Nein“ von Éliaz hallt wie ein Glas, das auf den Fliesen zerspringt. Scharf, schneidend, endgültig. Mein eigenes Herz hört auf zu schlagen, aufgehängt in dem klaffenden Raum, den dieser Laut geschaffen hat. Ich stürze zum Schlafzimmer, meine wankenden Beine finden eine verzweifelte Kraft. Die Scham, die Angst, alles wird von einem Urschrecken hinweggefegt. Ich erwarte alles. Schreie, Schläge, Chaos. Die Szene, die mich empfängt, ist viel schlimmer. Éliaz ist auf der Schwelle erstarrt, der Rücken steif, die Fäuste entlang des Körpers geballt. Sein Blick ist auf das Innere des Zimmers geheftet, und ich sehe das kaum wahrnehmbare Zittern, das seine Schultern durchzieht. Und er… der andere. Sein Vater. Stehend, nahe dem zerwühlten Bett, bereits angezogen, oder fast. Sein Hemd ist noch offen, sein Haar zerzaust, doch er zeigt eine Ruhe, eine Beherrschung, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Er senkt den Blick nicht. Er scheint nicht einmal überrascht. Es is
Maëva Das Handtuch reibt meine Haut mit einer Brutalität, die an Selbstverstümmelung grenzt. Ich reibe, ich reibe noch mehr, als könnte ich die Erinnerung an seine Hände, an seinen Mund, an seinen Körper auf dem meinen tilgen. Aber das Wasser ist getrocknet und hat eine schuldbewusste Feuchtigkeit zurückgelassen, eine dumpfe Hitze, die zwischen meinen Schenkeln, auf meiner Brust, überall dort, wo er verweilt hat, fortbesteht. Das Handtuch riecht nach Sauberkeit, nach Lavendel, aber unter diesem häuslichen Duft glaube ich noch immer, den Geruch von ihm, von uns wahrzunehmen, eine moschusartige und salzige Mischung, die an meinen Nasenflügeln haftet. Das Weinen von Raphaël durchdringt erneut den Nebel meiner Sinne, schriller, beladen mit einer echten Not, die mir das Herz durchbohrt. Mein Baby. Mein Sohn. Seine kleine Stimme zerreißt die Schicht aus Scham, die mich erstickt. Ich muss gehen. Ich muss eine Mutter sein. Die Brust, die ihn nährt, die Arme, die ihn wiegen, die Stimme,
Maëva Die letzte Welle der Lust zieht sich zurück und lässt mich keuchend, entleert und mit betäubtem Bewusstsein zurück. Das Gewicht seines Körpers auf dem meinen ist ein Anker in der Wirklichkeit, der einzige Fixpunkt einer Welt, die in Scherben zerbrochen ist. Ich spüre sein Herz an meiner Brust schlagen, einen wilden, ungezähmten Rhythmus, der den ungeordneten Schlägen des meinen antwortet. Er zieht sich endlich zurück, mit einer Langsamkeit, die jedes hypersensible Teilchen von mir erzittern lässt. Der Kontakt bricht ab, und eine sofortige Kälte überfällt mich, als hätte man mir eine zweite Haut abgerissen. Die Luft des Zimmers streichelt meine feuchte Haut, und ich fröstle. Die Vernunft kehrt mit einem Schlag zurück, eiskalt und mörderisch. Das Geräusch eines fernen Weinens, gedämpft von den Wänden, durchbohrt meine Seele. Raphaël – mein Baby. Mein sechs Monate alter Sohn. Die Schuld durchfährt mich, schärfer und schmerzhafter als alles, was ich gerade erlebt habe.
Maëva Ich bleibe schweigend, gefangen in seinem Blick und dem Wirbel meiner Gefühle. Die Angst und das Verlangen liefern sich einen erbarmungslosen Krieg. Mein Mund öffnet sich leicht, bereit, eine Weigerung zu formulieren, die Vernunft anzurufen, die Moral, all das, was uns trennen sollte. Doch die Worte sterben, noch bevor sie geboren werden. Er errät meinen inneren Kampf. Ein Blitz des Verstehens, dann der Entscheidung, durchzieht seinen Blick. Bevor ich eine Silbe aussprechen kann, beugt er sich vor und sein Mund fängt den meinen ein. Es ist kein sanfter oder fragender Kuss. Es ist eine Behauptung. Eine Besitzergreifung. Seine Zunge dringt mit wilder Dringlichkeit in meinen Mund und erstickt meine schwache Absicht des Protests. Ein Wimmern entfährt mir, ein erstickter Laut, halb Überraschung, halb Kapitulation. Meine Hände, die sich gehoben hatten, um ihn wegzustoßen, legen sich auf seinen Oberkörper, die Finger graben sich in sein festes Fleisch und klammern sich daran fes







