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Kapitel 6

Author: Ein Glücksfischchen
„Sebastian …“ schluchzte sie, unfähig, sich zu beherrschen.

„Hm? Klara?“ Er nahm ihre Hand. „Was ist los? Wenn du weinen willst, dann weine nur. Halte es nicht zurück.“

Seine Stimme klang unendlich sanft.

So wie damals, als er zusammen mit der Krankenschwester ihr Bett aus dem Operationsraum ins Krankenzimmer schob, an ihrem Bett wachte und mit einer samtweichen Stimme zu ihr sagte:

„Klara, tut es weh? Wenn es wehtut, dann weine, halte es nicht zurück …“

Damals dachte sie, diese zärtliche Fürsorge war ein Heilmittel gegen den Schmerz. Leider hatte sie erst nach all den Jahren wirklich verstanden, dass die Zärtlichkeit und Fürsorge eines Mannes niemals zu Liebe werden konnten …

„Sebastian, lass uns scheiden.“ Sie sprach es leise aus, zog ihre Hand zurück, und ein stechender Schmerz ließ ihre Sicht verschwimmen.

Er runzelte die Stirn. Offensichtlich hatte er nicht mit diesen Worten gerechnet.

Nach einem kurzen Schweigen gab er dem Kellner ein Zeichen und bat um einen sauberen Teller. Dann nahm er das Fischfilet, teilte es sorgfältig in mundgerechte Stücke. Mit leiser, sanfter Stimme begann er:

„Klara, ich weiß, du bist noch wütend, aber von Scheidung zu sprechen ist unvernünftig. Was willst du tun, wenn du dich von mir scheiden lässt? Wie kannst du allein zurechtkommen?“

Klaras Atem ging schneller.

Fünf Jahre lang war sie in aller Augen nur sein Anhängsel gewesen. Ohne ihn war sie ein armes Geschöpf, das niemand wollte und das nicht überleben konnte.

So sah er es auch.

„Ich kann das!“

Zum ersten Mal wollte sie vor ihm nicht nachgeben. Zum ersten Mal wollte sie sich behaupten.

Aber er lächelte nur. Offenbar glaubte er immer noch, dass sie nur schmollte. Er schob den Teller mit Fischstücken vor sie hin. „Iss. Ich erlaube dir, noch eine Weile wütend zu sein. Aber nach dem Essen ist Schluss damit.“

„Ich bin nicht wütend. Ich will wirklich die Scheidung!“

Wie sollte sie es ihm begreiflich machen, dass sie das nicht aus Trotz sagte?

„Klara.“ Er legte die Gabel aus der Hand. „Genug. Ich habe heute zwei Meetings und einen Geschäftstermin abgesagt, nur um den Tag mit dir zu verbringen. Morgen und übermorgen habe ich vielleicht nicht mehr so viel Zeit. Ich sage es noch einmal: Lotti ist eine gute Freundin von uns allen, sie gehört zu meinem engsten Kreis. Ich behandle sie nicht anders als Justin und die anderen. Sie mag dich sehr und wollte schon immer mit dir befreundet sein. Mit dieser Einstellung … wie soll ich sie dir da vorstellen?“

„Dann brauchst du sie mir nicht vorzustellen.“ Sie glaubte nicht, dass Charlotte wirklich mit ihr befreunden wollte.

„Klara!“ Er klang ein bisschen ärgerlich.

Es kam, wie sie erwartet hatte.

Immer wenn es um Lotti ging, war es mit seiner Gutmütigkeit vorbei.

„Komm, iss. Danach fahren wir ins Einkaufszentrum und kaufen etwas, was dir gefällt. Und dann essen wir bei deinen Eltern. Wie lange hast du sie schon nicht mehr besucht?“ Er teilte ihr immer wieder etwas von seinem Essen ab und schob ihr den Teller näher.

Sie wollte sich nicht selbst bestrafen. Sie nahm das Besteck und begann zu essen. Was auch immer geschah, sie musste zuerst auf ihren Körper achten. Es war sinnlos, aus verletztem Stolz die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

„So ist es richtig.“ Sebastians Stimme wurde wieder sanft. „Von Scheidung solltest du nie wieder sprechen.“

Sie zögerte kurz, dann aß sie mit gesenktem Kopf weiter.

Nach dem Essen wollte sie nicht ins Einkaufszentrum, aber Sebastian bestand darauf und fuhr direkt dorthin.

In den fünf Jahren ihrer Ehe hatte Sebastian sie nur selten beim Einkaufen begleitet.

Genauer gesagt, sie zeigten sich kaum gemeinsam in der Öffentlichkeit.

Das Licht im Einkaufszentrum war selbst am Tag grell.

Sie war es nicht gewohnt, hielt ihre Tasche fest und folgte ihm vorsichtig in seinem Schatten.

Im Erdgeschoss gab es Boutiquen für Luxustaschen, Uhren und Schmuck.

„Was willst du?“ Er drehte sich zu ihr um.

Sie wollte nichts, sie wollte nur nach Hause.

Aber ehe sie den Mund öffnen konnte, rief jemand von weitem: „Herr Wolf!“

„Ein neuer Geschäftspartner, den ich kürzlich kennengelernt habe. Ich geh nur kurz grüßen“, bedeutete Sebastian ihr. „Sieh dich ein wenig um, ich komme gleich nach.“

Sebastians Kunden kannte sie ohnehin nicht. Sie sah, wie er einem Mann die Hand schüttelte, und blieb stehen. Inmitten all der luxuriösen Waren, die es hier in Hülle und Fülle gab, wollte sie nicht eine einzige davon haben.

„Die Dame? Sie sind an der Reihe“, sagte die Verkäuferin ihr zu.

Da bemerkte sie erst, dass sie versehentlich in der Schlange vor einem Luxusgeschäft stand.

„Oh, nein danke“, sagte sie schnell und entfernte sich.

Sie lief ziellos durch das Einkaufszentrum, als sie an einem edlen Uhrenstand eine vertraute Gestalt entdeckte – Charlotte.

Ihr Blick fiel auf die Marke der Uhr. Etwas in ihr sank schwer herab, und unwillkürlich ging sie auf die Theke zu.

An Charlottes Seite stand Justin. Je näher sie kam, desto deutlicher hörte sie das Gespräch.

„Wenn sie dir gefällt, kauf sie doch.“ Die Stimme gehörte Justin.

Charlotte erwiderte: „Aber die ist wirklich furchtbar teuer. Selbst wenn Sebastian mir seine Zweitkarte gegeben und mir gesagt hat, dass ich sie einfach benutzen kann, wäre mir das zu viel.“

Klaras Füße wurden so schwer, dass sie keinen Schritt mehr weitergehen konnte.

Genauso schwer war ihr Herz.

Die Zweitkarte …

Seine Zweitkarte …

„Wenn er dir die Karte gibt, kannst du sie ruhig benutzen“, fuhr Justin fort. „Wann hat Sebastian je etwas gesagt und es dann nicht auch so gemeint? Wir kennen ihn doch seit so vielen Jahren. Kennst du ihn etwa nicht? Wenn er sie dir gibt, dann meint er das auch von ganzem Herzen.“

„Da hast du recht …“ Charlotte drehte ihr Handgelenk vor Justin hin und her, um ihm die Uhr zu zeigen.

Klara sah die Uhr ebenfalls.

„Sieht sie gut aus? Justin? Ich mag diese Uhr wirklich so sehr. Schon während des Studiums wollte ich sie haben, und damals hat Sebastian mir versprochen, sie mir zum Abschluss zu kaufen, aber dann …“

Klara spürte, wie ein spöttisches, bitteres Lachen in sich aufstieg.

Dann … kaufte Sebastian ihr an jedem Geburtstag und jedem Jahrestag genau dieselbe Uhr als Geschenk.

Sie hatte gedacht, selbst wenn Sebastian ihr gegenüber gleichgültig war, erinnerte er sich zumindest an ihre Geburtstage und Jahrestage. Selbst wenn er sich keine große Mühe gab, waren seine Geschenke doch wenigstens teuer gewesen.

Aber die Wahrheit war: Er war keineswegs gleichgültig. Im Gegenteil, er war sehr aufmerksam und gab sich große Mühe. Nur richtete sich all seine Aufmerksamkeit und Mühe nicht auf sie …

„Jetzt hat Sebastian sein Versprechen also eingelöst. Du kannst jetzt alles kaufen, was dir gefällt, er kann es sich leisten.“ Justin drängte sie.

„Dann zahle ich jetzt damit?“ Charlotte war sichtlich in Versuchung.

In der Zwischenzeit hatte Sebastian sein Gespräch mit dem Geschäftspartner beendet. Der Partner war hier, um seine Frau abzuholen. Und als er erfuhr, dass Sebastian ebenfalls seine Frau begleitete, schlug er vor, kurz miteinander zu begrüßen.

Klara sah Sebastian näherkommen und versteckte sich hastig hinter einer Säule.

Charlotte hingegen hatte Sebastian entdeckt und winkte mit dem Arm: „Sebastian, hier bin ich, komm rüber!“

Klara spähte hinter der Säule hervor und sah, wie Sebastian und sein Geschäftspartner zu Charlotte gingen.

Charlotte hakte sich bei Sebastian unter und schaukelte seinen Arm leicht hin und her.

„Sebastian, ich möchte diese Uhr kaufen, ist das in Ordnung?“

„Natürlich.“ Sebastians Blick auf Charlotte war von einer sanften Wärme erfüllt. Das Leuchten in seinen Augen belebte sein ganzes Gesicht, so ganz anders als die ausdruckslose Miene, die er zu Hause stets Klara zeigte.

„Danke, Sebastian, dann gehe ich jetzt zahlen!“ Charlotte wedelte mit der Zweitkarte.

Der mitgekommene Geschäftspartner lächelte auch.

„Herr und Frau Wolf, Ihre harmonische Ehe ist wirklich rührend.“

Herr Wolf? Frau Wolf?

Sebastian und Charlotte zuckten beide kurz zusammen, aber keiner von ihnen klärte das Missverständnis auf …

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