เข้าสู่ระบบCynthias Sicht
Vierzehn Stunden Flug lagen hinter mir, und trotzdem hatte ich Paris noch nicht erreicht. Zumindest fühlte es sich so an.
Ich saß auf einer Bank in der Ankunftshalle des Flughafens Charles de Gaulle und versuchte, meinen Körper unter Kontrolle zu halten. Mein Kopf dröhnte, als würde jemand von innen mit einem Hammer gegen meinen Schädel schlagen. Mir war übel, meine Hände zitterten, und seit der Landung hatte ich immer wieder das Gefühl, dass meine Beine nicht richtig zu mir gehörten. Ich wusste, dass das keine gewöhnlichen Beschwerden waren. Der Tumor in meinem Gehirn hatte sich weiter ausgebreitet, und die neurologischen Ausfälle wurden von Tag zu Tag schlimmer.
Trotzdem hatte ich es bis hierher geschafft.
Paris.
Jahrelang hatte ich davon geträumt, diese Stadt zu sehen. Früher hatte ich mir vorgestellt, mit Ethan durch die Straßen zu laufen, in kleinen Cafés zu sitzen und abends gemeinsam den Eiffelturm anzusehen. Ich hatte geglaubt, dass wir irgendwann genug Zeit füreinander finden würden, um solche Dinge zu erleben.
Doch aus diesen Träumen war nichts geworden. Ethan hatte immer etwas Wichtigeres zu tun gehabt, und ich hatte mich viel zu lange damit zufriedengegeben, auf einen Mann zu warten, der mir nicht einmal zuhörte, wenn ich ihm sagte, dass ich Schmerzen hatte.
Jetzt war ich allein hier.
Und zum ersten Mal seit Jahren hatte ich eine Entscheidung getroffen, ohne Ethan zu fragen, ohne Rücksicht auf seine Mutter zu nehmen und ohne darüber nachzudenken, was Amber davon halten könnte. Ich wollte die letzten Monate meines Lebens an einem Ort verbringen, den ich selbst ausgesucht hatte. Wenn mir nur noch sechs Monate blieben, dann wollte ich wenigstens diese sechs Monate nicht länger im Haus der Walkers verbringen.
Ich stemmte mich von der Bank hoch und griff nach meinem Koffer. Schon diese kleine Bewegung ließ einen stechenden Schmerz durch meinen Kopf fahren. Für einen Moment verschwamm die Ankunftshalle vor meinen Augen. Ich hielt mich am Griff meines Koffers fest und wartete darauf, dass der Schwindel nachließ.
„Nur noch bis zum Ausgang“, flüsterte ich mir selbst zu.
Doch meine Beine gehorchten mir nicht mehr.
Zuerst verkrampften sich meine Finger so stark, dass ich den Koffergriff kaum noch loslassen konnte. Dann zog sich meine gesamte Muskulatur zusammen. Ein scharfer Schmerz schoss durch meinen Körper, während die Geräusche um mich herum immer weiter in die Ferne rückten. Ich wollte jemanden um Hilfe bitten, doch aus meinem Mund kam kein verständliches Wort.
Der Boden raste auf mich zu.
Dann wurde alles schwarz.
Als ich die Augen öffnete, hörte ich ein regelmäßiges Piepen.
Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Über mir befand sich eine weiße Decke, neben meinem Bett stand ein medizinisches Gerät, und meine Hand war mit einem Zugang versehen. Der Geruch von Desinfektionsmittel lag so stark in der Luft, dass mir sofort wieder übel wurde.
Ich schloss die Augen.
War ich überhaupt in Paris angekommen? Oder hatte ich auf dem Flug so viel geträumt, dass ich mir nur einbildete, die Reise geschafft zu haben?
„Sie sind wach.“
Eine männliche Stimme holte mich aus meinen Gedanken. Als ich den Kopf drehte, sah ich einen Arzt in weißem Kittel. Er wirkte Anfang dreißig, hatte dunkle Haare und sah mich mit einem ernsten, aber nicht unfreundlichen Blick an.
„Wo bin ich?“
„In einem Krankenhaus in Paris. Sie wurden am Flughafen bewusstlos gefunden und mit einem Krankenwagen hierhergebracht.“ Er überprüfte die Werte auf dem Monitor, bevor er sich mir zuwandte. „Mein Name ist Julian. Sie hatten einen generalisierten epileptischen Anfall, vermutlich ausgelöst durch Ihren Hirntumor. Zum Glück haben Sie sich beim Sturz keine schwerwiegenden Verletzungen zugezogen.“
Ich starrte ihn an. „Ich bin wirklich in Paris?“
Er schien von meiner Frage überrascht zu sein. „Ja. Sie sind in Paris.“
Erleichterung durchströmte mich, obwohl mein Kopf noch immer schmerzte. Wenigstens war die Reise nicht umsonst gewesen.
Julian nahm die Unterlagen von meinem Nachttisch und blätterte sie durch. Je länger er las, desto angespannter wurde sein Gesichtsausdruck.
„Sie haben einen bösartigen Hirntumor, der bereits weit fortgeschritten ist. Außerdem stehen hier wiederholte Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskelschwäche und neurologische Ausfälle.“ Er sah mich direkt an. „Warum sind Sie in diesem Zustand in ein Flugzeug gestiegen?“
„Weil ich nach Paris wollte.“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“
„Es ist die einzige, die ich Ihnen geben kann.“
Er legte die Unterlagen auf den Tisch. „Wer hat Ihnen erlaubt zu fliegen? Haben Sie vor dem Abflug mit Ihrem behandelnden Arzt gesprochen?“
Ich schwieg.
„Ein Patient mit diesen Symptomen kann jederzeit einen weiteren Anfall bekommen. Sie hätten während des Fluges sterben können. Und selbst wenn Sie den Flug überstanden haben, ist Ihre Situation nicht weniger gefährlich geworden.“ Julian atmete hörbar aus. „Wir brauchen dringend neue Aufnahmen, eine neurologische Untersuchung und eine onkologische Beurteilung. Ich werde auch mit der Neurochirurgie sprechen. Je nach den Untersuchungsergebnissen müssen wir möglicherweise operieren.“
„Nein.“
Er sah mich an, als hätte er mich nicht verstanden. „Was heißt nein?“
„Ich möchte nicht behandelt werden.“
„Das können Sie nicht ernst meinen.“
„Doch.“
Julian zog einen Stuhl näher an mein Bett. „Hören Sie, Cynthia. Ihr Zustand ist ernst. Ohne medizinische Versorgung riskieren Sie, jederzeit einen weiteren Anfall zu erleiden. Es könnte zu bleibenden Schäden kommen, und Sie könnten daran sterben.“
Ich sah ihn ruhig an. „Ich weiß, dass ich sterben werde.“
Er schwieg kurz.
„Mein Arzt hat mir gesagt, dass mir vielleicht noch sechs Monate bleiben. Vielleicht auch weniger. Ich habe das verstanden, und ich habe mich damit abgefunden.“
„Eine Prognose ist kein Todesurteil. Und Sie wissen noch nicht, ob wir Ihnen helfen können. Dafür müssen wir Sie zunächst untersuchen.“
„Ich möchte entlassen werden.“
„Sie sind gerade erst aufgewacht. Sie können kaum allein stehen, und Sie wollen dieses Krankenhaus verlassen?“
„Ja.“
„Das ist unverantwortlich.“
Seine Stimme wurde schärfer, doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken. Ich hatte in den vergangenen Monaten genug Menschen erlebt, die mir sagten, was ich tun sollte. Ethan hatte meine Schmerzen als Übertreibung abgetan, seine Mutter hatte mich behandelt, als wäre ich eine Last, und selbst mein Sohn hatte sich längst daran gewöhnt, dass seine Mutter in der Familie kaum etwas zu sagen hatte.
Ich wollte nicht auch noch meine letzten Tage damit verbringen, mich rechtfertigen zu müssen.
„Ich kann mir eine Behandlung sowieso nicht leisten“, sagte ich. „Ich habe kaum noch Geld. Ich kann nicht wochenlang in einem Krankenhaus bleiben und Rechnungen bezahlen, die ich niemals begleichen werde.“
„Darum müssen Sie sich jetzt nicht kümmern.“
„Doch, genau darum muss ich mich kümmern. Sie kennen mich nicht. Sie können nicht einfach entscheiden, dass ich hierbleiben soll.“
„Und Sie können nicht so tun, als wäre Ihr Leben nichts wert.“
Seine Worte trafen mich unerwartet. Ich wandte den Blick ab, denn ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Mein Leben hatte sich schon lange nicht mehr wertvoll angefühlt.
Schließlich entfernte Julian sich, um mit dem zuständigen Team zu sprechen. Als er zurückkam, erklärte ich ihm noch einmal, dass ich gehen wollte. Er versuchte nicht mehr, mich sofort umzustimmen, aber sein Gesicht verriet deutlich, was er von meiner Entscheidung hielt.
Ich durfte meine Sachen holen, sollte jedoch zunächst sitzen bleiben und ihm versprechen, mich nicht allein auf den Weg zu machen. Mehr konnte ich ihm offenbar nicht zugestehen.
Als ich meine Tasche vom Stuhl nahm, glitt sie mir aus den zitternden Fingern. Der Reißverschluss sprang auf, und der Inhalt verteilte sich über den Boden.
„Verdammt“, murmelte ich.
Julian, der gerade zur Tür gehen wollte, drehte sich um und kam zurück. „Lassen Sie mich das machen.“
Er sammelte die Sachen auf, während ich mich mühsam nach meiner Geldbörse und meinem Telefon streckte. Dabei fiel ihm ein alter Taschenuhranhänger in die Hände. Das Metall war längst angelaufen, und das Glas hatte mehrere feine Kratzer. Trotzdem trug ich die Uhr seit meiner Kindheit immer bei mir.
„Woher haben Sie die?“
Seine Stimme klang plötzlich anders.
„Die gehört mir.“
„Das sehe ich. Ich frage, woher Sie sie haben.“
Er hielt die Uhr so vorsichtig, als könnte sie ihm zwischen den Fingern zerbrechen. Sein Blick war auf das kleine Bild gerichtet, das sich hinter dem Glas befand.
„Ich habe sie schon, seit ich zwölf war“, erklärte ich. „Damals wurde ich entführt. Als man mich später fand, konnte ich mich an vieles aus meiner Vergangenheit nicht mehr erinnern. Die Uhr hatte ich bei mir. Ich weiß nicht, wem sie ursprünglich gehörte.“
Julian sagte zunächst nichts. Er drehte die Uhr um und betrachtete das Porträt genauer. Darauf waren ein Mann und eine Frau zu sehen, daneben drei Jungen und ein kleines Mädchen. Das Bild war alt, aber die Gesichter waren noch erkennbar.
„Wie alt waren Sie genau, als Sie entführt wurden?“
„Zwölf.“
„Und wann sind Sie geboren?“
Ich nannte ihm mein Geburtsdatum.
Er sah mich mit einer Mischung aus Unglauben und wachsender Aufregung an. „Wo sind Sie damals verschwunden? In welcher Stadt?“
Ich beantwortete auch diese Frage, mittlerweile zunehmend beunruhigt. Warum interessierte ihn meine Vergangenheit plötzlich so sehr?
„Haben Sie unterhalb Ihres linken Schulterblatts ein Muttermal? Es ist sternförmig.“
Mir wurde kalt.
Meine Hand wanderte unwillkürlich zu meinem Rücken. Das Muttermal war ungewöhnlich und so deutlich geformt, dass ich mich schon als Kind dafür geschämt hatte.
„Woher wissen Sie das?“
Julian schluckte. Seine Finger schlossen sich fester um die Taschenuhr.
„Cynthia, sind Sie adoptiert?“
„Ja. Meine Adoptiveltern haben mich aufgenommen, nachdem ich gefunden wurde. Ich weiß nicht, wer meine leiblichen Eltern sind.“
Er schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, glänzten sie.
„Diese Uhr gehörte meiner kleinen Schwester.“
Ich starrte ihn an.
„Was?“
„Das Bild zeigt meine Familie. Meine Eltern, meine drei Brüder und mich. Das kleine Mädchen in der Mitte ist meine Schwester.“ Seine Stimme brach beinahe. „Sie ist vor zwanzig Jahren verschwunden. Sie war damals zwölf Jahre alt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist unmöglich.“
„Sie hieß Cynthia.“
„Es gibt viele Menschen, die Cynthia heißen.“
„Nicht viele, die dieselbe Uhr besitzen, im selben Alter verschwunden sind und genau dieses Muttermal haben.“
Ich wollte widersprechen, doch mir fehlten die Worte. Plötzlich fühlte sich das Zimmer viel kleiner an. Der Mann vor mir, der noch vor wenigen Minuten ein fremder Arzt gewesen war, behauptete, mein Bruder zu sein.
Das konnte nicht stimmen. Meine Kindheit war voller Lücken, meine Herkunft war unklar, aber ich hatte nie geglaubt, dass irgendwo eine Familie auf mich wartete.
„Ich habe Eltern“, sagte ich schließlich. „Ich bin verheiratet. Ich habe einen Sohn. Sie irren sich.“
Julian sah mich lange an. „Vielleicht haben Sie eine Familie, die Sie großgezogen hat. Aber ich glaube, dass Sie meine Schwester sind.“
Er trat näher an mein Bett und hielt mir die Uhr hin. „Bitte gehen Sie nicht. Ich muss jemanden anrufen.“
Ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Alles in mir wehrte sich gegen die Vorstellung, dass mein ganzes Leben auf einem Irrtum beruhte. Aber ich war zu schwach, um weiter mit ihm zu streiten.
„In Ordnung“, flüsterte ich.
Nachdem Julian das Zimmer verlassen hatte, griff ich nach meinem Telefon. Ich wusste nicht einmal genau, warum ich es einschaltete. Vielleicht hatte ein kleiner Teil von mir gehofft, dass Ethan sich doch noch melden würde. Vielleicht wollte ich sehen, ob Amber nach seiner Mutter gefragt hatte.
Doch auf dem Bildschirm erschien keine einzige Nachricht, die ich lesen wollte.
Keine Nachricht von Ethan. Kein verpasster Anruf. Keine Nachricht von Amber. Auch seine Mutter hatte sich nicht gemeldet.
Ich scrollte durch meine Anrufliste, obwohl ich längst wusste, was ich dort finden würde. Seit meiner Abreise hatte niemand versucht, mich zu erreichen.
Nicht ein einziges Mal.
Ich hatte mein Zuhause verlassen, ohne jemandem zu sagen, wohin ich ging. Trotzdem hätte ich erwartet, dass wenigstens Ethan bemerkte, dass ich verschwunden war. Wir waren schließlich noch verheiratet. Ich hatte acht Jahre lang in seinem Haus gelebt, mich um seinen Sohn gekümmert und versucht, eine gute Ehefrau zu sein.
Offenbar war meine Abwesenheit nicht einmal eine Unterbrechung ihres Alltags wert.
Vielleicht hatte Ethan bereits erklärt, dass ich wieder einmal übertrieben hatte. Vielleicht war seiner Mutter mein Verschwinden sogar recht. Und Amber? Ich wusste nicht, ob er mich vermisste oder überhaupt bemerkte, dass ich nicht mehr da war.
Ich öffnete die Rückseite meines Telefons, nahm die SIM-Karte heraus und betrachtete sie eine Weile. Auf dieser kleinen Karte befanden sich all die Verbindungen zu meinem alten Leben, all die Nummern der Menschen, die ich jahrelang an meine Seite lassen wollte.
Dann zerbrach ich sie und warf sie in den Mülleimer.
Ich wollte nicht mehr wissen, ob Ethan irgendwann nach mir fragte. Ich wollte nicht mehr auf einen Anruf warten, der vielleicht niemals kommen würde. Für die Familie Walker war ich offenbar entbehrlich, also würde ich aufhören, mich an sie zu klammern.
Dreiundfünfzig Minuten später wurde die Tür geöffnet.
Eine ältere Frau trat ein. Ihr graues Haar war ordentlich frisiert, an ihren Ohren trug sie Perlenohrringe, und obwohl sie elegant gekleidet war, wirkte sie völlig außer Atem. Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie lange geweint.
Julian stand hinter ihr.
Sobald die Frau mich sah, blieb sie mitten im Raum stehen. Ihre Hand fuhr zu ihrem Mund, und für einen Moment schien sie nicht einmal mehr atmen zu können.
„Cici?“
Ich runzelte die Stirn.
„Cici“, wiederholte sie mit zitternder Stimme und kam auf mich zu. „Mein kleines Mädchen.“
Bevor ich reagieren konnte, schlang sie die Arme um mich. Sie umarmte mich so fest, dass ich trotz meiner Schmerzen kaum Luft bekam, und begann zu weinen.
Ich saß vollkommen erstarrt da.
„Bitte“, sagte ich leise. „Sie müssen mich loslassen.“
Sie löste sich ein wenig von mir, hielt aber beide Hände an meinen Schultern. „Verzeih mir. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Wer sind Sie?“
Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. „Ich bin deine Mutter.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Mutter ist vor vielen Jahren gestorben.“
„Ich weiß, was dir erzählt wurde. Aber du bist meine Tochter. Du bist Cynthia Cynclair Laurent. Als du klein warst, konntest du deinen eigenen Namen nicht richtig aussprechen. Du hast immer Cici gesagt. Deshalb habe ich dich so genannt.“
Sie strich mir über die Wange, als hätte sie Angst, dass ich im nächsten Moment wieder verschwinden könnte.
„Du warst erst zwölf, als man dich entführt hat“, fuhr sie fort. „Wir haben überall nach dir gesucht. Dein Vater, deine Brüder und ich haben keine Möglichkeit ausgelassen. Wir haben die Polizei eingeschaltet, Detektive beauftragt und jeden Hinweis verfolgt. Aber irgendwann wurde eine Leiche gefunden, und man sagte uns, es sei unsere Tochter. Wir wollten es nicht glauben, aber nach all den Jahren hatten wir keine andere Erklärung mehr.“
Ich sah zwischen ihr und Julian hin und her.
„Warum sind Sie nach Frankreich gezogen?“
„Weil wir es in der alten Stadt nicht mehr ausgehalten haben. Jeder Ort erinnerte uns an dich. Wir dachten, wir hätten dich verloren.“ Ihre Stimme zitterte. „Wir haben dich nicht vergessen, Cici. Kein einziger Tag verging, an dem ich nicht an dich gedacht habe.“
Ich wollte ihr glauben. Ein Teil von mir sehnte sich so sehr danach, dass diese Frau tatsächlich meine Mutter war, dass es beinahe schmerzte. Doch ich hatte bereits einmal geglaubt, eine Familie gefunden zu haben. Ich hatte geglaubt, dass Ethan mich lieben würde. Ich hatte geglaubt, dass sein Sohn mich irgendwann als Mutter akzeptieren würde.
Am Ende war ich immer diejenige gewesen, die zurückblieb.
„Wir sollten einen DNA-Test machen“, sagte Julian. Er bemühte sich um einen sachlichen Ton, doch seine Augen verrieten, wie viel ihm diese Begegnung bedeutete. „Dann wissen wir es sicher.“
„Nein.“
Seine Mutter sah mich erschrocken an. „Warum nicht?“
„Weil ich nicht möchte, dass Sie sich Hoffnungen machen.“
„Aber Cici …“
„Ich bin krank.“ Ich zwang mich, sie anzusehen, obwohl mir die Tränen bereits in die Augen stiegen. „Ich habe einen bösartigen Hirntumor. Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich vielleicht noch sechs Monate habe. Wenn Sie tatsächlich meine Familie sind, dann haben Sie mich gerade erst wiedergefunden, und in ein paar Monaten werden Sie mich erneut verlieren.“
Die Frau schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Sag so etwas nicht.“
„Es ist die Wahrheit.“
„Dann kümmern wir uns um dich. Wir werden alles tun, was nötig ist.“
Ich lachte bitter auf. „Sie wissen nicht einmal, wie es um mich steht. Ich kann mir nicht einmal eine Behandlung leisten.“
Julian trat sofort vor. „Ich bin Neurochirurg. Ich werde deine Befunde prüfen und mir die bisherigen Aufnahmen ansehen. Wir wissen noch nicht, ob eine Operation möglich ist oder welche Behandlung infrage kommt, aber wir werden es herausfinden.“
„Sie können mir nicht einfach versprechen, mich zu retten.“
„Das tue ich auch nicht. Ich verspreche dir, dass ich nicht aufgeben werde, bevor wir alle Möglichkeiten geprüft haben.“
„Und wenn es keine gibt?“
Er antwortete ohne zu zögern: „Dann werde ich trotzdem dafür sorgen, dass du nicht allein durch diese Zeit gehen musst.“
Seine Mutter nahm meine Hand. Ihre Finger waren warm, und sie strich mit dem Daumen über meinen Handrücken.
„Du musst jetzt nichts entscheiden“, sagte sie sanft. „Du musst uns nicht sofort vertrauen und auch nicht so tun, als wären wir nie getrennt gewesen. Ich weiß, dass dir all die Jahre niemand zurückgeben kann. Aber ich möchte für dich da sein. Ich möchte dich wieder kennenlernen. Lass mich wenigstens deine Mutter sein, solange ich noch die Gelegenheit dazu habe.“
Diese Worte brachten etwas in mir zum Zerbrechen.
Ich hatte so lange versucht, stark zu sein, dass ich beinahe vergessen hatte, wie es sich anfühlte, wenn jemand sich um mich kümmerte. Niemand hatte mich in den letzten Jahren gefragt, ob ich Angst hatte. Niemand hatte meine Hand gehalten, wenn die Schmerzen unerträglich wurden. Und niemand hatte mir das Gefühl gegeben, dass es wichtig war, ob ich am nächsten Morgen noch aufwachte.
Jetzt saß diese fremde Frau vor mir und weinte, weil sie mich möglicherweise verloren glaubte. Julian, der mich kaum kannte, wollte alles tun, um mein Leben zu retten.
Ich hatte nicht gewusst, dass man sich so sehr nach etwas sehnen konnte, das man nie wirklich besessen hatte.
„Ich habe Angst“, brachte ich schließlich hervor.
Meine vermeintliche Mutter zog mich vorsichtig in ihre Arme. Diesmal wehrte ich mich nicht.
„Ich weiß, mein Kind. Du musst keine Angst allein durchstehen.“
Da konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten. Ich weinte an ihrer Schulter, während sie mir über den Rücken strich und mich immer wieder Cici nannte. Es war, als hätte sie diesen Namen all die Jahre für mich aufgehoben.
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich niemandem beweisen, dass ich Schmerzen hatte. Ich musste mich nicht rechtfertigen, nicht um Aufmerksamkeit kämpfen und nicht darum bitten, dass jemand mich ernst nahm.
Ich durfte einfach schwach sein.
Als ich mich schließlich von ihr löste, sah Julian mich erwartungsvoll an.
„Ich werde mich untersuchen lassen“, sagte ich mit brüchiger Stimme. „Sie können meine Befunde ansehen und herausfinden, ob es noch eine Behandlungsmöglichkeit gibt.“
Sein Gesicht entspannte sich ein wenig. „Gut. Dann fangen wir damit an.“
„Aber versprechen Sie mir nicht, dass ich gesund werde.“
„Das werde ich nicht.“ Er nahm die Taschenuhr wieder in die Hand und legte sie vorsichtig auf meinen Nachttisch. „Ich verspreche dir nur, dass wir alles versuchen.“
Ich betrachtete das alte Porträt. Jahrelang hatte ich diese Uhr bei mir getragen, ohne zu wissen, dass auf dem Bild möglicherweise meine eigene Familie zu sehen war. Vielleicht hatte ich tatsächlich ein Leben gehabt, an das ich mich nicht mehr erinnern konnte. Vielleicht warteten irgendwo noch drei Brüder auf mich, die glaubten, ihre Schwester sei tot.
Und vielleicht war mein Leben doch noch nicht zu Ende.
Ich hatte Paris erreicht, weil ich vor meinem alten Leben fliehen wollte. Jetzt stand ich möglicherweise am Anfang eines völlig neuen.
Zum ersten Mal seit meiner Diagnose wagte ich es, nicht nur an meinen Tod zu denken, sondern auch an das, was danach noch kommen könnte.
Cynthias SichtVierzehn Stunden Flug lagen hinter mir, und trotzdem hatte ich Paris noch nicht erreicht. Zumindest fühlte es sich so an.Ich saß auf einer Bank in der Ankunftshalle des Flughafens Charles de Gaulle und versuchte, meinen Körper unter Kontrolle zu halten. Mein Kopf dröhnte, als würde jemand von innen mit einem Hammer gegen meinen Schädel schlagen. Mir war übel, meine Hände zitterten, und seit der Landung hatte ich immer wieder das Gefühl, dass meine Beine nicht richtig zu mir gehörten. Ich wusste, dass das keine gewöhnlichen Beschwerden waren. Der Tumor in meinem Gehirn hatte sich weiter ausgebreitet, und die neurologischen Ausfälle wurden von Tag zu Tag schlimmer.Trotzdem hatte ich es bis hierher geschafft.Paris.Jahrelang hatte ich davon geträumt, diese Stadt zu sehen. Früher hatte ich mir vorgestellt, mit Ethan durch die Straßen zu laufen, in kleinen Cafés zu sitzen und abends gemeinsam den Eiffelturm anzusehen. Ich hatte geglaubt, dass wir irgendwann genug Zeit für
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