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Author: Proxima
last update publish date: 2026-09-07 00:31:49

Das Haus war in einem luxuriösen europäischen Stil eingerichtet, mit cremefarbenen, gemusterten Fliesen, die den feinen Kristalllüster darüber reflektierten. Links vom Eingang befand sich das Wohnzimmer, in dem ein alter Mann in traditionellem Tang-Anzug seinen Tee genoss. Eine Frau Anfang dreißig saß auf dem Sofa und lächelte warm zur Tür hin. Ein junges Mädchen, etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, stand hinter ihr und lächelte ebenfalls. Bei genauerem Hinsehen konnte man jedoch trotz des Lächelns auf ihren Gesichtern einen Hauch von Spott und Gleichgültigkeit in ihren Augen erkennen.

Evelyn war bei ihrem ersten Besuch in ihrem früheren Leben völlig überfordert gewesen, ihr Verhalten ängstlich und vorsichtig. Sie hatte eine ganze Nacht voller Spott ertragen, was ihre ohnehin vorhandene Unsicherheit noch weiter verstärkte und es ihr noch schwerer machte, den Kopf aufrecht zu halten.

In diesem Leben hatte Evelyn bereits alle Brücken hinter sich abgebrochen, seit sie das Haus betreten hatte. Sie trug ein Lächeln, als sie Ethan folgte.

„Evelyn, das ist dein Großvater“, stellte Ethan vor. „Vater, das ist Evelyn.“

„Hallo, Großvater“, begrüßte Evelyn mit einem Nicken. Sie war mit ihrem Großvater William Yi nicht sehr vertraut. Sie wusste, dass ihr Großvater ihre Rückkehr zur Familie Yi angeordnet hatte, um ihr Erbe zurückzuerobern, aber seit ihrer Rückkehr hatte William Yi sie nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Ihr Großvater war still geblieben, während sie gedemütigt wurde, fast als würde er gleichgültig zusehen und ihr Schicksal den Umständen überlassen.

Evelyn konnte es weder damals noch jetzt verstehen. Sie war sich jedoch bewusst, dass die Vormachtstellung der Familie Yi in Stadt Z eng mit William Yis unternehmerischem Geschick in jungen Jahren verbunden war. Sein Einfluss reichte über Stadt Z hinaus und hatte bedeutendes Gewicht in der kulinarischen Industrie des gesamten Landes Z.

„En“, brummte William Yi und musterte Evelyn von Kopf bis Fuß.

„Das ist...“ Ethan zögerte, „deine Mutter...“

Evelyn unterbrach ihn, bevor er zu Ende sprechen konnte: „Hallo, Tante.“

Ethan war kurz überrascht. Er hatte beabsichtigt, dass Evelyn den Moment nutzen würde, um Fiona „Mutter“ zu nennen, nicht „Tante“.

„Ah...“ Ein Blitz der Überraschung huschte durch Fionas Augen, bevor sie ihre Mundwinkel zu einem Lächeln hob. „Hallo, dein Name ist Evelyn, richtig? Ein wunderschöner Name. Jetzt, da du zur Familie Yi gehörst, sind wir hier alle eine Familie. Du brauchst nicht daran zu denken, wieder wegzugehen. Genieß einfach deine Zeit mit deiner jüngeren Schwester.“

Fiona deutete auf das Mädchen hinter ihr und stellte vor: „Das ist Ruby, ein Jahr jünger als du. Sie ist in der zweiten Klasse der Oberschule. Sie ist klug und ein bisschen frech, also wenn sie dir kleine Streiche spielt, versuch bitte, ihr nicht böse zu sein, ja?“

Fionas Worte waren perfekt gewählt, spendeten Evelyn Trost und stellten ihr warmherzig ihre jüngere Schwester vor, voller Wärme einer fürsorglichen Mutter.

Evelyns Lächeln erreichte ihre Augen nicht wirklich, als sie mit einem einzigen Wort antwortete: „Hm.“

Fiona bemerkte, dass Evelyn ihr nicht wirklich Aufmerksamkeit schenkte, und es wurde schwierig, ihre enthusiastische Fassade aufrechtzuerhalten, was einen peinlichen Moment erzeugte.

„Evelyn, das ist unhöflich!“ tadelte Ruby, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ihr langes schwarzes Haar ordentlich über die Schultern fallend. Ihr Gesicht hatte noch etwas Babyspeck, und sie trug ein blassrosa Baumwollkleid, so hübsch wie eine Puppe in einem Schaufenster eines Luxusgeschäfts.

„Ich bin nervös“, sagte Evelyn ausdruckslos, und die Worte trugen ein Gewicht, das Ruby kurz erstarren ließ. Nervös? Das klang nach einer guten Ausrede, aber Ruby glaubte nicht wirklich, dass Evelyn tatsächlich nervös war.

„Zeit zu essen“, warf William Yi ein, stand auf und warf Evelyn einen schwer zu deutenden Blick zu.

Die Familie begab sich zum Esstisch, und Evelyn setzte sich nicht sofort, sondern wandte sich an Ethan. Sie wusste genau, wo sie sitzen sollte, aber es war Ethan, der das Signal geben sollte.

„Setz dich einfach neben Ruby“, sagte Ethan, während er sich selbst setzte.

Evelyn nahm ihren Platz neben Ruby ein, die Hände ordentlich auf den Knien gefaltet, während die Diener begannen, das Essen zu servieren.

„Das Abendessen ist normalerweise eine Stunde früher als heute“, sagte Fiona mit sanftem Lächeln und warf Evelyn einen Blick zu. „Wir haben es ein wenig hinausgezögert, während wir auf dich gewartet haben.“

In ihrem früheren Leben wäre Evelyn bei diesen Worten von Schuldgefühlen überwältigt gewesen, hätte ihr Essen nicht genießen können oder sich nicht einmal getraut, Beilagen zu nehmen. Doch diesmal sah sie Ethan mit einem Hauch von Gekränktheit und Vorwurf in den Augen an.

„Sie wurde vom Verkehr aufgehalten“, verteidigte Ethan sie schnell und fing Evelyns flehenden Blick auf. „Lasst uns essen!“

Fiona, die Ethans Erklärung hörte, beschloss, nichts weiter zu sagen, obwohl sie Evelyn noch einmal musterte. Sie hatte Evelyn für ein ungehobeltes Mädchen vom Land gehalten, aber anscheinend steckte mehr in ihr. Aber was machte das schon für einen Unterschied? Sie hatte es damals geschafft, Grace zu vertreiben, und sie war zuversichtlich, dass sie dasselbe mit ihrer Tochter tun konnte.

„Evelyn, du hast diese Gerichte noch nie probiert, oder?“ Rubys Stimme war klar und angenehm, ihre großen Augen funkelten mit scheinbarer Unschuld und Heiterkeit.

Evelyns Mundwinkel hoben sich leicht und zeigten nichts von der Verschlagenheit, die sich hinter Rubys bezauberndem Äußeren verbarg. „Meinst du den Reis, das Gemüse oder das Fleisch?“

Überrascht von der Antwort legte Ruby ein Stück Abalone mit Knoblauch in Evelyns Schale. „Ich mag das sehr. Du hast noch nie Drei-Kopf-Abalone probiert, oder?“

„Nein, ich mag den Knoblauchgeschmack nicht“, gab Evelyn mit einem Nicken zu.

Ruby hielt inne, verwirrt. Waren ihre Worte nicht deutlich genug gewesen?

„Sei nicht schüchtern, Evelyn“, ermutigte Fiona warm. „Betrachte dies als dein Zuhause.“

Evelyn lachte leise.

„Was ist so lustig?“ fragte Ruby.

„Ich finde es lustig, wie du sprichst, als wäre dies nicht mein Zuhause“, antwortete Evelyn und lachte dann noch einmal leise.

Fionas Gesicht rötete sich vor Verlegenheit, als sie zugab: „Ich habe mich falsch ausgedrückt.“

Nach dem Abendessen wurde Evelyn von einem männlichen Diener auf ihr Zimmer geführt. Es war dasselbe Zimmer wie in ihrem früheren Leben, versteckt an einem abgelegenen Ort, den das Sonnenlicht das ganze Jahr über nie erreichte. Dennoch war das Zimmer geräumig, größer als das gesamte Haus, in dem sie zuvor mit ihrer Mutter gelebt hatte.

Evelyn beobachtete, wie der Diener ihren Koffer abstellte und dann daneben stehen blieb, und wusste, dass er ein Trinkgeld erwartete. Doch sie hatte nur wenig Geld, und selbst wenn sie welches gehabt hätte, hätte sie ihm keines gegeben.

In ihrem früheren Leben hatte dieser Diener Ruby oft geholfen, sie im Verborgenen zu quälen. Er hatte auch die Angewohnheit, die anderen Diener aufzuhetzen und sie zu versammeln, um sie kollektiv zu ignorieren, wobei Marcus‘ Beitrag nicht unbemerkt blieb.

Evelyn musterte ihn von oben bis unten und sagte: „Dein Name ist Luke, nicht wahr?“

„Ja“, nickte Luke und schätzte Evelyn ab. Ihre Kleidung wirkte schlicht, und er bezweifelte, dass er von ihr profitieren konnte. Er konnte nicht anders, als zu denken, dass Evelyn mit ihrer einfachen Herkunft nicht mit Miss Ruby vergleichbar war.

„Von jetzt an, wenn du meine Fragen beantwortest, musst du am Ende ‚Miss‘ hinzufügen. Verstanden?“ sagte Evelyn mit scharfem Blick.

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